2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß

Dokumentation über einen hingerichteten Naziverbrecher und die Gegenwart seiner hinterbliebenen Familie - intim, persönlich und in seiner Offenheit mutig erzählt durch den eigenen Sohn.

2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß

Eine Großzahl an Filmen der diesjährigen Berlinale widmete sich dem Thema Nationalsozialismus, unter ihnen lässt sich die Dokumentation 2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß zu den sehenswerten Beiträgen zählen. Der Politologe und Filmemacher Malte Ludin folgt darin der literarischen, wie kinematographischen Tendenz zu Nazi-Biografien, die sich den damaligen Tätern von einer menschlichen Seite nähern und damit eine problematische Leerstelle in der Darstellung deutscher Geschichte zu füllen suchen. Anders als in anderen Werken dieses aktuellen Trends findet sich hier erstmals die gesamte Familie eines prominenten Nazis zur Aufarbeitung bereit.

Im Zentrum steht der Vater des Regisseurs: Hanns Elard Ludin, ein überzeugter Nationalsozialist und SA-Führer, den Hitler 1941 als Gesandten und Bevollmächtigten Minister des Großdeutschen Reiches in die Slowakei schickte. 1947 wurde der für die Deportation von Juden Verantwortliche als Kriegsverbrecher verurteilt und hingerichtet, doch noch immer lastet die Vergangenheit auf seinen Nachfahren.

2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß

In 2 oder 3 Dinge dokumentiert Malte Ludin die unterschiedlichen Versuche der eigenen Familie, mit dem Andenken der Vaterfigur umzugehen, indem er Mutter, Schwestern und andere Angehörige mit der Schuld des Naziverbrechers in intimen Interviews konfrontiert. Das Ergebnis ist weniger ein informativer Geschichtsfilm, als vielmehr ein emotionales, psychologisch interessantes Familiendrama, das von der quälenden Erinnerung an Schuld und Scham erzählt.

Meistens bringt sich der Filmemacher dabei selbst wie einen Kontrapunkt seiner Mutter und Schwestern ins Spiel, die sich seinen energischen, auf historischen Fakten beruhenden Fragen durch Verdrängung und Verharmlosung entziehen wollen. Die ganze Absurdität und Realitätsfremde einiger Angehöriger im Umgang mit der Geschichte zeigt sich als der Nazitäter, entgegen aller dokumentarischen Beweise, zum Opfer von Hitler-Deutschland erklärt oder gar zum Widerstandskämpfer heroisiert wird. Um ein differenziertes Bild seiner Familie zu entwerfen, lässt Ludin jedoch auch kritische Stimmen zu Wort kommen, die vorwiegend aus der jüngsten, zeitlich und emotional am weitesten vom „Untersuchungsgegenstand“ entfernten Generation stammen. In den Enkelkindern des Nazis scheint Ludin eine Art Hoffnungsschimmer für einen „gesunden“, „ehrlichen“ Umgang mit der schuldbeladenen Vergangenheit zu sehen, bei dem die Tatsachen nicht verleugnet werden.

Die Zerrissenheit, die sich innerhalb der Familie zeigt, spiegelt sich interessanterweise in Malte Ludin selbst: Während der Politologe und Dokumentarist in ihm die objektive Wahrheit über einen Naziverbrecher sucht, gerät der Sohn in ihm, der den Vater auch zu lieben sucht, in Regionen jenseits rationaler oder intellektueller Erwägungen. Zuweilen verlässt Ludin seinen analytischen Standpunkt ganz ungewollt und agiert ähnlich emotional wie Mutter und Schwestern. Bei der Durchsicht von Akten bewegt ihn still die Hoffnung noch etwas zu finden, was den Vater entlasten könnte – vergeblich.

2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß

Noch ausgeprägter zeigt sich sein momentaner Objektivitätsverlust in einem der spannendsten Momente des Films, wenn der Regisseur als „Täterkind“ einem „Opferkind“, dem Schriftsteller Tuvia Rübner begegnet, dessen Eltern und Geschwister auf Veranlassung von Ludins Vater deportiert worden. Im Gegensatz zur forschen, provozierenden Frageweise innerhalb der eigenen Familie, macht sich hier im Filmemacher selbst ein eher ausweichendes Verhaltensmuster breit, so dass er eigens eingesteht: „Es war mir tatsächlich sehr unangenehm, sehen zu müssen, wie ich selbst diese mir so sattsam bekannten Ausflüchte und Winkelzüge gegenüber einem ehemaligen Opfer benutze.“ Umso mutiger ist Ludins Entscheidung zu werten, diese Szene, in der er selbst kein guter „Darsteller“ ist, nicht unter den Schneidetisch fallen zu lassen – somit bringt der Filmemacher nicht nur seine Familie, sondern auch sich selbst in Schusslinie.

Es ist gerade dieser Konflikt zwischen kognitiven und emotionalen Prozessen - innerhalb der Familie, wie der einzelnen Individuen - die 2 oder 3 Dinge so spannend macht. Auf eindrucksvolle Weise zeigt Malte Ludin, wie schwer die Entscheidung zwischen Loyalität zu einer geliebten Person und der Loyalität zur Wahrheit fällt. Die private Erinnerungskultur widerstrebt zumeist einer historischen. So objektiv man auch versucht einen Menschen zu verstehen, so subjektiv wird der Einzelne dessen Bild stets einfärben.

Zudem zeigt Ludin, wie gegenwärtig und unverarbeitet die Nazi-Vergangenheit noch immer ist – nicht nur im Falle der Familie Ludin. Zwar ist 2 oder 3 Dinge ein höchst intimer und persönlicher, gleichzeitig aber auch ein exemplarischer Film, der stellvertretend das gestörte Verhältnis vieler Deutschen zur eigenen Geschichte beschreibt. 60 Jahre nach Kriegsende legt Ludins Dokumentation den Finger in die Wunden des kollektiven deutschen Gedächtnisses, die die Zeit nicht geheilt hat.

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