2+2=22 [The Alphabet]

Berlinale 2017 – Forum: Wir singen keine Melodien, wir singen A, B, C: Mit seinem Musikfilm über eine Aufnahmesession der Band Kreidler wandelt Heinz Emigholz auf den Spuren von Godard. Am Ende widmet er sich aber doch wieder der Architektur.

The Alphabet 3

Der Musiker bittet die Gastsängerin, das Alphabet zu singen. Die schlichte Anweisung sorgt für einen kurzen Moment der Irritation. Ob es denn keine Melodie gebe, will die verdutzte Dame wissen, aber der Musiker verneint: Jeder Buchstabe solle auf den selben Ton gesungen werden. In einem von vier neuen Filmen hat Heinz Emigholz die deutsche Band Kreidler bei den Aufnahmen zu ihrem Album ABC in Tiflis beobachtet. Das Missverständnis über eine fehlende Melodie ist darin nur ein kurzer, unscheinbarer Moment, der nicht auf eine Weise inszeniert wirkt, als wollte er etwas bedeuten. Tatsächlich sagt er aber doch einiges über die Arbeit von Emigholz aus. Auch in den meisten seiner Architekturfilme gibt es scheinbar keine Melodie – keine Affekte oder eine klassische Narration –, sondern vor allem Rhythmus: Einstellungen, die gnadenlos in den Raum schneiden. Bilder, die wild an und in modernistischen Gebäuden herumspringen, da hinschauen, wohin man seinen Blick normalerweise nicht gerichtet hätte, und so hinschauen – nämlich immer wieder mit den charakteristischen gekippten Bildern –, dass alles plötzlich ein wenig anders als sonst aussieht.

The Alphabet 1

Groovende Verweigerungshaltung

Bei 2+2=22 [The Alphabet] handelt es sich nun eher um einen Musikfilm, wenn auch um einen so ungewöhnlichen, wie man es von diesem Querkopf des deutschen Kinos erwarten würde. Emigholz wirkt diesmal zwar zugänglicher, weil er sich der sinnlichen Musikerfahrung hingibt, bleibt dabei aber doch der Reduktion und Offenheit, die ihn auszeichnet, treu – nicht zuletzt, weil seine langjährigen musikalischen Wegbegleiter ebenfalls beweisen, dass auch eine Verweigerungshaltung grooven kann. Zunächst scheinen die verschiedenen Elemente des Films nicht so viel miteinander zu tun zu haben. Neben den Szenen, die Kreidler bei der Musikproduktion zeigen, bei kleinen künstlerischen Differenzen oder auch nur während einer Pause sehen wir Straßenaufnahmen von Tiflis, zu denen Natja Brunckhorst aus dem Off von der Strukturierung, der Geschichte und dem Erleben einer Stadt erzählt. Und schließlich gibt es auch Bilder aus Emigholz’ Tagebüchern, die so schnell an einem vorüberziehen, dass man, einem hastender Flaneur gleich, lediglich ein paar eingeklebte Collagen vor dem Gekritzel erfassen kann.

The Alphabet 2

Unvereinbare Bausteine

Der Titel 2+2=22 spielt auf den Film One Plus One (1968) an, in dem Jean-Luc Godard um eine Aufnahmesession der Rolling Stones episodische Szenen über das politische Klima von damals inszeniert. Noch stärker als Godard betont Emigholz die Unvereinbarkeit seiner Bausteine. 2 und 2 geben bei ihm nicht 4, sondern 22 – statt einer Verschmelzung gibt es ein freies Nebeneinander. Dabei entsteht zwischen den verschiedenen Ebenen des Films ein produktiver Resonanzraum aus Analogien und Gegensätzen. Wenn im Off Städte mit Büchern verglichen werden, Straßen mit Sätzen und Verkehrsschilder mit Satzzeichen, beginnt man dieses Ordnungssystem als Zuschauer schon bald auf die Studioszenen anzuwenden. Plötzlich sehen auch die am Boden liegenden Kabel aus wie Straßen, die verschiedene Instrumente verbinden. Und der minimalistische Sound scheint ohnehin vom Bauen zu erzählen – und stellt damit die ruhende, zumindest vorerst fertige Stadt einem Schaffensprozess gegenüber: Eine Bassdrum dient als Fundament, die Rhythmusgitarre baut die Wände, und einige Synthie-Akkorde sorgen für den Verputz. Eigentlich hat Emigholz also doch wieder einen Architekturfilm gedreht – und einen ziemlich schönen noch dazu.

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