18.15 Uhr ab Ostkreuz

Wenn das Agatha Christie wüsste. Die Berliner Trashkunst-Größe Ades Zabel und Regisseur Jörn Hartmann haben mit 18.15 Uhr ab Ostkreuz Miss Marple persifliert – als Transenkrimi in Schwarz-Weiß.

18.15 Uhr ab Ostkreuz

Agatha Christie, die erfolgreichste Kriminalautorin der Welt, verfasste allein 15 Romane über das detektivische Treiben einer exzentrischen alten Dame, die aus Passion Mordfälle löst: Miss Marple. In den 60er Jahren entstanden vier Verfilmungen nach den Christie-Vorlagen, von 16 Uhr 50 ab Paddington (Murder She Said, 1961) bis Mörder ahoi (Murder Ahoy, 1964), in denen die spät zur Schauspielerei berufene Britin Margaret Rutherford das Bild einer resoluten kleinen Miss Marple mit weißem Lockenkopf und beeindruckend zerfurchtem Gesicht prägte.

In 18.15 Uhr ab Ostkreuz hat sich der verwandlungsfreudige Kleinkunst-Entertainer Ades Zabel die Rutherford’schen Tränensäcke angeklebt. Mit diesen beiden grotesken Latex-Lappen endet auch schon die Ähnlichkeit zur 1892 in London geborenen Darstellerin, die – genau wie Agatha Christie – vom englischen Königshaus den Ehrentitel „Dame“ verliehen bekommen hatte. Hinter den Weiblichkeiten des Berliner Low-Budget-Werkes stecken zumeist kräftige Männer.

18.15 Uhr ab Ostkreuz

Ades Zabel schlüpft in die Rolle der schon aus seinen Bühnenprogrammen bekannten Karin Höhne aus Berlin-Haselhorst. Die pensionierte Grundschullehrerin wird Zeugin eines Axtmordes in der S-Bahn und stürzt sich mit ihrer besten Freundin Rosa Brathuhn (Andreja Schneider, Mitglied der Comedy-Gruppe „Geschwister Pfister“) in die Nachforschungen, die sie bald in den Wilmersdorfer Frisiersalon „Brüller“ führen. Frau Höhne bewirbt sich um einen Ausbildungsplatz zur Frisurenfachgestalterin, um verdeckt ermitteln zu können. Dafür ist die Seniorin eigentlich zu alt, aber dank ihrer orgiastischen Shampoonierkünste bekommt sie den Job im Laden von Horst Brüller (Pedro Sobisch) und SM-Geschäftsführerin Gisela Drache (Bob Schneider). Bald gibt es weitere Tote, eine vergiftete Marlene-Dietrich-Perücke und derart verworrene Familienverhältnisse, dass sich die Auflösung nur mit Anstrengung nachvollziehen lässt. Aber das Verlangen nach logischer Beweisführung wird es auch nicht sein, das Zuschauer in die Schwarz-Weiß-Hommage locken dürfte.

Eine ausgeprägte Vorliebe für Trash sollte man schon mitbringen, um über die Zusammenhänge zwischen schlampig ausgeführter Geschlechtsumwandlung und Flatulenzen, über notorisch platten Wortwitz oder liebevoll scheußlich gestaltete Frisuren lachen zu können. Da trägt Karin Höhne aus unerfindlichen Gründen während des gesamten Films die hochstehende Sperma-Locke aus Verrückt nach Mary (All about Mary, 1998), und die bevorstehende Coiffeurmesse heißt „Schnippel Dir einen“. Die Produktion hätte zusätzlich einen Preis für das schlechteste Bröckel-Make-up verdient, das auf dem hochauflösenden HD-Videomaterial besonders zur Geltung kommt.

18.15 Uhr ab Ostkreuz

18.15 Uhr ab Ostkreuz ist nach Mutti – Der Film (2003) Jörn Hartmanns zweites Kinowerk. Erneut entsteht der abseitige Reiz der 80.000 Euro teuren, mit Genrezitaten gespickten Miss Marple-Interpretation weniger durch die arg zusammengeschusterte Handlung, sondern durch die sichtbare Leidenschaft der Akteure sowie einzelne Pointen und Nebenfiguren wie etwa Irmgard Knef (Ulrich Michael Heissig) in einem fast ehrfürchtigen Kurzauftritt oder die türkische Friseuse Hürryet Lachmann, die Ades Zabel in einer Doppelrolle mit orientalischer Löwenmähne und reichlich Lipgloss gibt.

Überhaupt Zabel. Der ehemalige Filmvorführer und Herrenkonfektionsverkäufer im KaDeWe hat sich vor allem durch seine Varieté-Auftritte als trinkfreudige Neuköllner Hausfrau Edith Schröder eine treue Fangemeinde aufgebaut. Programmtitel wie Edith Schröder Superstar (2003), Blond in Neukölln (2004) oder Wenn Ediths Glocken läuten (2005) sprechen für sich. Die Bühnenpräsenz und der spontane Humor des Mannes mit der großen Nase lassen sich allerdings nicht eins zu eins auf die Leinwand übertragen. Auch ist Ex-Tuschlehrerin Karin Höhne noch das „biederste“ von Zabels Alter egos, fehlt ihr doch – wie Miss Marple – ein wüstes Leben unterhalb der Gürtellinie. Während einer Szene schwitzt Hobbydetektivin Höhne neben der ebenfalls durch Alters-Make-up entstellten Rosa Brathuhn in der Sauna – aber beide sind von oben bis unten in Handtücher gehüllt. Mit Edith Schröders sagenhaftem Ganzkörper-Nacktkostüm können es die greisen Damen also nicht aufnehmen. Einen Ehrentitel als Trash-Perlen haben sie sich dennoch redlich verdient.

Transen, Transsexualität und die berühmteste Privatermittlerin des britischen Empire zusammenzubringen, liegt übrigens gar nicht so fern. Eines der Adoptivkinder von Margaret Rutherford, der Schriftsteller Gordon Langley Hall, unterzog sich in den 60er Jahren einer Geschlechtsumwandlung. Er/Sie schrieb eine Biographie der Miss Marple-Darstellerin und nannte sich fortan Dawn.

 

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