17 Mädchen

Vom Verschwinden der Kindheit. In einem französischen Kaff planen 17 Mädchen eine ungewöhnliche Art des Aufstands.

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Körper von jungen Frauen in Großaufnahme. En Detail nimmt die Kamera sie ins Visier. Still beobachtend, nicht voyeuristisch. Etwas ungemein Unschuldiges haftet ihnen an, zart und zerbrechlich wirken die weichen Formen von Bäuchen und Beinen. Gerade die Intensität der Bilder lässt uns ahnen, dass dieser harmonische körperliche „Ruhezustand“ bald verlassen wird. Mit ihrem ersten Langfilm 17 Mädchen (17 filles) erzählen die Schwestern Muriel und Delphine Coulin vom gleichermaßen absurden wie naiven Traum einer Gruppe junger Frauen. Die Geschichte beruht auf einem authentischen Fall in Massachusetts, wo 17 Schülerinnen einen geheimen Schwangerschaftspakt schlossen. Die Regisseurinnen verlagern die Geschichte in ihren Heimatort Lorient, einer kleinen Hafenstadt am Atlantik, die einen neunmonatigen Ausnahmezustand erlebt.

Auslöser für den absurden Trend ist die junge Camille (Louise Grinberg). Versehentlich wird sie von ihrem Freund schwanger, woraufhin sie beginnt, sich eine infantile Utopie ihres zukünftigen Lebens zu bauen. Vom neuen Lebensgefühl der Schülerin angesteckt, entschließen Freundinnen und Schulkameradinnen, es ihr gleichzutun.

Im Zentrum stehen dabei ausschließlich die Schwangerschaftsmonate der Mädchen und ihr Drang, aus der Ödnis des Städtchens und der Langweile des Schulalltags auszubrechen. Die Idee der 17 Mädchen erscheint als leidlich durchdachter, friedlicher, aber radikaler Guerillakrieg im Kleinen, um nicht Gefahr zu laufen, in der erdrückenden Industrietristesse zu ersticken. Dabei detailliert auf die vielen Charaktere einzugehen, wäre schier unmöglich. Vielmehr zeigen sich hier Situationsbeschreibungen und Bilder eines durch ein gemeinschaftliches Erleben geförderten Zusammenhalts, so unterschiedlich die Mädchen auch sein mögen. Dies in den Fokus zu rücken, war die richtige Entscheidung der Schwestern Coulin.

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Geborgenheit empfinden die Mädchen innerhalb ihrer eingeschworenen Phalanx, Schul- und Familienleben dagegen sind mit Langeweile, Wut und Kummer versehen. Das eigene Kind soll der Heilsbringer sein. In Montagen sind die Mädchen in ihren teils kargen, kindlich eingerichteten Zimmern zu sehen. Wortlos sitzen sie auf ihren Betten, apathisch vor sich hin sinnierend. Wenn der Film zwischen den unterschiedlichen Wohnräumen wechselt, jedoch unablässig einen identischen Eindruck vermittelt, dann haftet diesen Bildern, letztlich Beschreibungen von Alltäglichem, nicht nur etwas ungemein Trostloses an, der Wunsch nach Veränderung schreit geradezu aus diesen Szenarien heraus. Nur ein paar Partys am Wochenende geben Möglichkeit zum Ausbruch, der aber nicht von Dauer ist. Wir sehen nicht nur zu, wie die Kindheit kollektiv verlassen wird, sondern, schlimmer noch, dass sie für diese Mädchen nie wirklich da war.

Dies zeigt sich auch in ihrer Einstellung zur Sexualität. Für die Durchführung des pubertären Plans ist sie zwar von Belang, doch dabei gänzlich von einer jugendlichen Freude daran abgekoppelt. Fast könnte man meinen, die Mädchen sehen in Sex nichts als eine zwingend erforderliche Vorbedingung zur Bewerkstelligung des Ziels. Eine kindlich-beschämte Neugierde ist ebenso wenig zu finden wie gar eine Stigmatisierung des Sexuellen. Aber schließlich verfolgen die Mädchen ein höheres Ziel, was für sie eine geradezu notgedrungene Entzauberung eines der großen Kernthemen der Adoleszenz zur Folge hat.

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So karg und unharmonisch die Lebenswelt an manchen Stellen erscheinen mag, so amüsant gestalten sich einige herrlich skurrile Parenthesen. Wenn sich die Schüler zum Klassenfoto aufstellen, bei dem ein geraumer Teil der Mädchen, den inzwischen weit hervortretenden Bauch stützend, stolz für die Kamera posiert, wird in einem schlichten Bild die ganze Absurdität des Vorhabens ersichtlich. Dass dabei die Erzählung ab und an etwas ins Holpern gerät und die Coulins am Schluss etwas zu sehr ins dramatische Fahrwasser gelangen, ist angesichts der treffenden Bildsprache der beiden Debütantinnen verzeihlich.

Ganz am Schluss sehen wir einige von ihnen nach der Schwangerschaft, die ungewöhnlichen Ereignisse der letzten Wochen und Monate resümierend. Wir erfahren nicht vollends, wie sich das Leben der Mädchen nun gestaltet, eines aber ist zu sehen: die gleiche Stadt, die gleichen Orte. Dieses Mal mit Kinderwagen. Die Mädchen haben die Mutterrolle eingenommen und müssen endgültig die Kindheit verlassen. Und doch manifestiert sich in diesen letzten Bildern etwas Hoffnungsvolles, bietet sich doch nun eine Chance, auf eine neue Weise Kindheit zu erleben. 

Trailer zu „17 Mädchen“


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