16 Blocks

Bruce Willis ist wieder da. Aber bevor er sich erneut als Action-Held bewähren kann, muss er als alkoholkranker Detective Jack Mosley erst einmal nach ganz unten.

16 Blocks

Der Maskenbildner hat an Bruce Willis ganze Arbeit geleistet. Geplatzte Äderchen, blaue Venen, blutunterlaufene Augen, ein rotes Gesicht und sogar eine Perücke: Er ist kaum wiederzuerkennen. Einen Schnurrbart und einen Bauch hat er auch noch. Und eine Körpersprache, die in der Exposition von 16 Blocks gleich den Ton setzt: Dieser Mann ist fertig, und die Geschichte des Films wird es sein, ihn wieder hoch zu bringen. Zu Beginn schleppt Detective Jack Mosley sich hinkend durch das sorgsam kadrierte Bild, mit der Aufgabe betraut, einen Tatort zu bewachen. Während die Leichen noch auf dem Fußboden liegen, schlurft er erst einmal zum Schrank in der fremden Küche, sucht und findet eine Schnapsflasche und lässt sich ächzend auf das Sofa nieder.

Am Ende seiner Nachtschicht erhält Jack den Auftrag, den Kriminellen Eddie (Mos Def) vom Gefängnis zum Gericht zu eskortieren, wo er als Kronzeuge aussagen soll. Das ist ein Weg von nur 16 Häuserblöcken, aber weil es mächtige Leute gibt, die die Aussage verhindern wollen, werden der abgehalfterte Cop und der schwarze Zeuge die gesamte Dauer des Films brauchen, um ihn zurückzulegen. 16 Blocks, dessen Handlung deutlich an Clint Eastwoods Der Mann, der niemals aufgibt (The Gauntlet) aus dem Jahr 1977 erinnert, spielt also mehr oder weniger in Echtzeit – innovative, moderne Fernsehserien wie 24 (Seit 2001) haben gezeigt, wie spannend das sein kann.

16 Blocks

Auch aus der räumlichen Begrenzung zieht Regisseur Richard Donner Gewinn. Die Hetzjagd verläuft durch überfüllte New Yorker Straßen, Hinterhofwäschereien, dampfende Restaurantküchen und Wohnhäuser, in denen alte Chinesen vertrauensselig die Tür zu einem vorübergehenden Schlupfwinkel öffnen. Die stets bewegliche Kamera von Glen MacPherson fängt diese Atmosphäre sehr dicht ein. Regisseur Donner, der den schönen ersten Superman-Film (1978) gedreht hat und die unvergessene Lethal-Weapon-Reihe (1987-1998), handhabt die Geschichte mit der Routine des Könners. Es gibt viele kleine Details, die beiläufig eingebaut sind und tiefer liegende Schichten der Handlung vorwegnehmen: Der Fuß eines Cops zum Beispiel, der kaum merklich gegen den Kopf eines toten Dealers stößt - und so auf die Menschenverachtung verweist, die in diesem Police Department die vorherrschende Stimmung ist, und die bald auch deutlich zu sehen sein wird.

Das ist alles so überzeugend inszeniert, dass einige Schwächen des Drehbuchs von Richard Wenk verzeihlich sind: Eine bestimmte Art von Unwahrscheinlichkeit ist in dieser Art von Thriller schlicht unvermeidlich. „Unsere Freunde, die Wahrscheinlichkeitskrämer“, über die schon Hitchcock gelästert hat, mögen das verzeihen. Etwas weniger verzeihlich ist, dass zum Zwecke der Spannungserzeugung zwei Mal eine fast identische Parallelmontage verwendet wird, die sich beide Male auf die gleiche Weise auflöst. Dass am Ende alles auf den ältesten Trick seit Erfindung des Tonbandgerätes hinausläuft, ist auch nicht gerade ein Zeichen für einfallsreiche Dramaturgie.

16 Blocks

Aber es ist ohnehin nicht die Story, die den Film vorantreibt, sondern es sind die Schauspieler. Bruce Willis war so noch nie zu sehen. Als Kontrast zu seinem comichaften hard boiled Auftritt in Sin City im vergangenen Jahr stellt er diesmal eine glaubwürdige, realistische Figur dar. Erst ziemlich am Schluss, als Jack sich als immer noch hervorragender Cop erwiesen hat, kramt Willis jene entschlossen-verzweifelte Mimik aus dem zerknautschten, roten Alkoholikergesicht, die ihn bereits in den drei Stirb-Langsam-Filmen (Die Hard, 1988-1995) unverwechselbar machte.

Und Mos Def, der schwarze Hip-Hop-Musiker, der mit Auftritten in Per Anhalter durch die Galaxis (The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy, 2005) und The Woodsman (2004) auf sich aufmerksam gemacht hat, gibt den dauerquasselnden Ganoven Eddie als sensiblen Underdog mit dem starken Willen zum Ausstieg, zur Rückkehr auf die gerade Bahn. Die rastlose Energie, die sein Mundwerk niemals stillstehen lässt, ist aber mehr als die Lustigkeit einer Nervensäge - sie ist Ausdruck seines Willens zur Veränderung, zu harter Arbeit. Als Jack ihn im Gefängnis abholt, weigert Eddie sich zunächst mitzukommen, weil er noch auf seinen Anzug wartet, den er vor Gericht tragen will. Sein Traum ist es, eine Bäckerei zu eröffnen (das Handwerk hat er im Gefängnis gelernt), und den ganzen Film über trägt er ein kleines handgeschriebenes Buch mit sich herum, in dem seine Rezepte versammelt sind. „People can change“, lautet Eddies mehrfach wiederholtes Mantra.

16 Blocks

Dieser Satz bildet den Kontrapunkt zur Persönlichkeit des Polizisten Jack, der sich bis zu seiner Begegnung mit Eddie mit seinem Schicksal als passiver Verlierer abgefunden hatte. „You should have done what you always did, Jack“, sagt Eddies früherer Partner (David Morse) einmal zu ihm, als schon viele Schüsse gewechselt sind und manches Auto zu Schrott gefahren ist - und drückt damit seine Verwunderung darüber aus, zu was dieser alte Cop noch fähig ist. Ganz am Schluss ist sogar der Schnurrbart ab. Und Willis sieht wieder fast so aus wie früher.

 

Kommentare


Flar

Obwohl 16 Blocks nie wirklich berühmt wurde, ist der Film dennoch einer der besseren Bruce Willis Filme. Spannend ist er auf jeden Fall und Mos Def spielt auch klasse.


Martin Zopick

Das ganze Polizeidepartment ist hinter Bruce Willes her. Die Kollegen – angeführt von David Morse, der sich hier mal von seiner unsympathischen Seite zeigen kann - sind ein Sammelsurium korrupter Bullen. Wie der angeschlagene Alk Bruce das schafft, den ihm anvertrauten Gefangenen zu überstellen (nur 16 Häuserblocks entfernt), wird spannend erzählt. So fertig sieht man Bruce Willis nicht alle Tage. Vor allem der verblüffend schnelle Schnitt zeigt wie unser Held aus seiner Lethargie erwacht und plötzlich hell wach ist. Neben Materialschlachten und Riesenballereien ist aber auch noch Platz für Gespräche über Freundschaft, Kollegialität und den Wert der Polizeiarbeit. Da heucheln die Kollegen Bruce was vor, dass sich die Balken biegen. Sie haben sich eine Welt aus Lug und Trug zusammengeschustert. Bruce macht da nicht mehr mit.
Gegen Ende wird es dann zwar etwas unübersichtlich bis eine Familienfeier den krönen Abschluss bildet. (Na ja!?) Massenszenen wechseln mit kammerspielartigen Einzelaufnahmen. Das ist gekonnt gemacht.
Dieser Cop-Thriller, steht in bester amerikanischer Action Tradition und hat auch noch eine Message: Menschen können sich ändern. Das gilt sowohl für den Cop als auch für seinen zu überstellenden Gefangenen (Mos Def). Beide werden vom Saulus zum Paulus. Gekonnt gemachte, spannende Unterhaltung






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