13 Tzameti

Mit seinem Regiedebüt ist Gela Babluani ein fesselnder Thriller über die Reise eines jungen georgischen Immigranten in die Abgründe der menschlichen Seele gelungen.

13 - Tzameti

In den letzten Jahren gab es im Mainstream-Horrorfilm eine regelrechte Modewelle an perversen Folter- und Mordspielen, bei denen die wehrlosen Opfer auf alle erdenklichen Arten malträtiert werden. Die zwei prominentesten Beispiele waren sicherlich die moralischen Lehrstunden des Jigsaw-Killers in den Saw-Filmen (Saw, 2004; Saw 2, 2005; Saw 3, 2006; Saw 4, 2007) sowie die Folterexzesse an verschleppten Touristen in Hostel 1 (2005) und Hostel 2 (2007). Die handwerkliche Präzision, mit der in diesen Filmen gefoltert und gemordet wird, erinnert ein wenig an den Sadismus älterer Exploitationwerke wie den Frauengefängnis-Filmen. Doch das Motiv eines Spiels, bei dem es um Leben und Tod geht, muss auch im Horror- und Thrillerbereich nicht zwangsläufig als Plattform für die detaillierte Darstellung von Scheußlichkeiten dienen.

Der in seiner Jugend von Georgien nach Frankreich immigrierte Regisseur Gela Babluani, Sohn des Filmemachers Temur Babluani, verwendet in seinem mittlerweile drei Jahre alten Debütfilm 13 Tzameti ein Spiel, das in seiner Unmenschlichkeit den genannten Filmen in nichts nachsteht. Nachdem Babluani vor zwei Jahren mit L'Héritage (2006) bereits seinen zweiten Film gedreht hat und momentan an einem Hollywood-Remake von 13 Tzameti arbeitet, hat es sein Erstling jetzt doch noch in die deutschen Kinos geschafft.

13 - Tzameti

Der Film schickt sein Publikum gemeinsam mit dem georgischen Immigranten Sébastien (George Babluani, der jüngere Bruder des Regisseurs) auf eine Reise ins Ungewisse: Bei seiner Arbeit als Dachdecker für den morphiumsüchtigen Monsieur Godon (Philippe Passon) belauscht Sébastien ein Gespräch über einen Brief, in dem es um ein geheimes Treffen und eine erhebliche Summe Geld geht. Als Godon kurz darauf an einer Überdosis stirbt, nimmt Sébastien den Brief inklusive Wegbeschreibung und einer mit der Zahl Dreizehn bedruckten Karte an sich und folgt den Anweisungen, ohne zu wissen, worauf er sich damit einlässt.

Wie bei den meisten Schwarzweiß-Filmen aus der Gegenwart, die mit Spannungselementen arbeiten, drängt sich auch bei 13 Tzameti zunächst ein Vergleich mit dem Film noir auf. Sébastien mag dem typischen Einzelgänger solcher Filme vielleicht ähneln, dennoch kopiert Babluani keine genretypischen Figuren und Erzählmuster, wie es etwa Christopher Nolan in Following (1998) gemacht hat. 13 Tzameti grenzt sich nicht nur durch seine einfache, lineare Erzählweise und die Geheimhaltung des Innenlebens seines Protagonisten vom Film noir ab, er verzichtet auch auf jene nostalgische Ästhetik, die gerade bei Ausstattung und Beleuchtung in zahlreichen Filmen als stereotype Referenz zum Einsatz kommt. Seinen eigenen Stil findet der Film gerade dadurch, dass er solche Spielereien vermeidet und sich bei der Geschichte und deren Inszenierung auf das Notwendigste beschränkt. Während Dialoge sowie örtliche und zeitliche Einordnungen der Handlung nur bedingt eine Rolle spielen, widmet sich Babluani vor allem der Erzeugung einer bedrohlichen Atmosphäre und einem sich langsam steigernden, bis zum Äußersten gehenden Spannungsaufbau. Dass 13 Tzameti trotz zahlreicher formaler Stilisierungen nie unangenehm konstruiert oder gekünstelt wirkt, macht ihn umso bemerkenswerter.

13 - Tzameti

Seine subtile Art der Inszenierung behält der Film auch noch bei, wenn Sébastien schließlich am Ziel angekommen ist und erfährt, dass er sich auf eine Art modernen Gladiatorenkampf eingelassen hat. Statt sich wie die eingangs erwähnten Filme in menschlichen Eingeweiden zu suhlen, verdeutlicht Babluani die Grausamkeit seines Spiels, indem er zeigt, wie es sich auf seinen Protagonisten auswirkt. Sébastiens makellose Schönheit steht nicht nur im direkten Kontrast zu einer unmenschlichen Veranstaltung, seine Wandlung innerhalb des Films lässt sich auch allein am Ausdruck seines Gesichtes ablesen: Der schmerzhafte Verlust jugendlicher Unschuld zeichnet sich dort ebenso ab wie die Entdeckung der eigenen dunklen Seite.

Doch Babluani greift nicht nur auf eine indirekte, zu großen Teilen über die zu Tode geängstigten Gesichter der Spielteilnehmer funktionierende Darstellung von Gewalt zurück, sondern unterbindet auch gerade bei der sozialen Komponente seiner Geschichte allzu vereinfachende Interpretationen. Ähnlich wie die Folterwerkstatt in Hostel kann man auch das Spiel in 13 Tzameti als Metapher einer kapitalistischen Welt sehen, in der die Armen zur Unterhaltung reicher alter Männer zu Objekten degradiert und zerstört werden. Babluani vermittelt diese Hierarchisierung schon allein deswegen weitaus eindringlicher und realitätsnäher, weil er die soziale und ethnische Herkunft seines Protagonisten in den Film mit einbezieht, jedoch ohne seinem Publikum eine Botschaft über die Ungerechtigkeit in der Welt aufzudrängen. Es wäre zu einfach gewesen, die Drahtzieher hinter dem Spiel als unzivilisierte Monster darzustellen. 13 Tzameti wirkt deshalb so beklemmend, weil sich das Unmenschliche hinter der Oberfläche einer scheinbar zivilisierten Gesellschaft abspielt, deren Vertreter nicht nur Anzüge tragen, sondern auch ausgesprochen gute Manieren haben.

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