13 Sins

Daniel Stamm schickt den Protagonisten seines dritten Spielfilms auf einen äußerst schnellen und ebenso dreckigen Weg zum verheißungsvollen Millionärsdasein.

13 Sins 07

Wer keiner Fliege etwas zuleide tun kann, der mag zwar ein liebenswerter Kerl sein, aber wird es nicht weit bringen. Die Welt gehört denen, die zulangen und zuschlagen können, denen, die sich auch für die Drecksarbeit nicht zu schade sind. Unter dieser Prämisse scheint das Spiel zu laufen, in das der Protagonist Elliot Brindle (Mark Webber) in 13 Sins unversehens stolpert. Er hält gerade vor der roten Ampel, da klingelt plötzlich sein Handy. Er könne ein Vermögen machen, teilt ihm der anonym bleibende Anrufer mit, wenn er bereit sei, bei einem Spiel mitzumachen. Die Regeln sind einfach: Er muss, ohne Rückfragen zu stellen, alles tun, was ihm gesagt wird, und darf nicht versuchen, die Hintermänner des Spiels aufzudecken. Klingt schon ziemlich suspekt, aber Elliot hat einen ganzen Haufen Schulden, gerade seinen Job verloren, steht mit seiner schwangeren Freundin (Rutina Wesley) kurz vor der Hochzeit und trägt außerdem die Verantwortung für seinen geistig behinderten Bruder. Genug Gründe also, sich erstmal auf die Sache einzulassen, schließlich ist die Einstiegsaufgabe für satte 1000 Dollar Prämie verlockend einfach: Klarmachen, zu welchem der beiden Typen man zählt, und die Fliege im Auto erledigen. Nun muss Elliot diese nur noch essen, und schon hat er sich einige weitere tausend Dollar verdient.

Unter Beobachtung

13 Sins 01

Der aus Deutschland stammende und in den USA tätige Regisseur Daniel Stamm hatte 2008 sein Debüt mit dem Indie-Thriller A Necessary Death gegeben. Dieses beeindruckte Genrefachmann Eli Roth dermaßen, dass er 2010 Stamms zweiten Film Der letzte Exorzismus (The Last Exorcism) produzierte. Beide Werke waren im Dokumentarstil und als Found-Footage-Collage gehalten. 13 Sins, ein Remake des thailändischen 13 Beloved (13 Game Sayawng, 2006), ist nun Stamms erster mit klassischen Kameraaufnahmen erzählter Film. Dabei ist er seinen Vorgängern dennoch auf interessante Weise sehr nah. Während Stamm dort formalästhetisch dem Zuschauer explizit eine aktive Betrachterposition zuwies, indem er ihm suggerierte, Begutachter der Dokumentation fataler Ereignisse zu sein, ist in seinem neuesten Film das Beobachten, Verfolgen und Ausspähen inhaltlich ein zentrales Element. Elliot wird erklärt, er befinde sich in einer Gameshow; nacheinander gestellte 13 Aufgaben gelte es zu bewältigen, die jeweils mit einem sich stetig steigernden Geldgewinn belohnt würden. Bei Abbruch, Scheitern oder Regelverstoß ist allerdings alles wieder verloren.

13 Sins 05

Spätestens seit dem ersten Anruf steht Elliot auf Schritt und Tritt unter Beobachtung. Dafür entwirft die Inszenierung allerdings nicht, wie man erstmal vermuten würde, einen ausgeklügelten Überwachungsapparat, in dem der Einzelne permanent durch diverse Kameras sichtbar gemacht werden kann – was wieder in Richtung einer Found-Footage-Ästhetik ginge. Im Gegensatz zum Original ist in 13 Sins eben kein einziges Mal zu sehen, dass Elliot durch eine innerdiegetische Kamera oder auf irgendeinem Monitor erscheinen würde. Der ominöse Spielleiter, der über Handy fortwährend Instruktionen und Kommentare liefert, nimmt jede einzelne von Elliots Handlugen auf scheinbar metaphysisch-allmächtige Weise wahr – der perfekte, weil uneingeschränkte und niemals selbst zu erblickende Voyeur.

Perverse Gameshow: Mehr als nur Insektenessen

13 Sins 06

Im für den Fernsehzuschauer alltagsbekannten Rezeptionsmodus der Game- oder Realityshow lässt sich auch die Handlung größtenteils goutieren. Da das Vertilgen von Insekten mittlerweile zu den etablierten Ereignissen unserer realen Fernsehwelt gehört, ist klar, dass es im Spiel-Film schon etwas heftiger zugehen muss und bald Blut spritzen und so mancher Kopf rollen wird. Anfangs noch nah an der Erzählung des thailändischen Originals, haben die Drehbuchautoren Daniel Stamm und David Birke sich schnell neue Herausforderungen ausgedacht, die zu unterschiedlichen Effekten führen. Manchmal kommt etwas schwarzer Humor auf, etwa wenn Elliot mit einer Leiche Kaffee trinken gehen muss. Trotz mancher komischer Momente erreicht 13 Sins jedoch nie den Satiregrad von 13 Beloved. Andere Aufgaben bedienen die Zuschauerschaft, die es gerne blutig mag, und bringen Elemente des Torture Porn mit ein, womit der Voyeursaspekt eine genreaktuelle Reflexion erfährt. Insgesamt, und das macht den größten Unterschied zwischen beiden Filmen aus, hat Stamms Drehbuch seine Figuren doch recht anders aufgestellt und wartet mit deutlich mehr und weiter reichenden Verstrickungen und Plottwists auf. Am Ende wird der Zuschauer zwar mit einzelnen kausalen „Aha-Momenten“ belohnt, aber wesentliche Hintergründe der Geschichte bleiben im Dunkeln.

Schließlich bietet der Plot sogar Anschlusspunkte, um soziopolitische Lesarten herauszukitzeln. Elliots persönliche Entwicklung, die er von einer Challenge zur nächsten vollzieht und mit der er der eingangs erwähnten Prämisse des Spiels nachkommt, gäbe zum Beispiel Gelegenheit, hier ein drastisches Modell der Anforderungen eines flexiblen Kapitalismus zu sehen, inklusive der Frage nach dem Selbstverständnis von dessen Akteuren. Denn da Elliot zur Bewerkstelligung seiner Herausforderungen einige Menschen zu Schaden bringen muss, oszilliert seine Rolle zwischen Täter und Opfer. Das dafür nötige nachhaltige Verweilen im Kopf des Betrachters dürfte 13 Sins  aber wohl nicht gelingen. Dafür hat die Geschichte, wie nicht zuletzt der Umstand deutlich macht, dass viele eigentlich spannende Situationen mittels Ellipsen vereinfacht aufgelöst werden, leider zu wenig Kraft.

Trailer zu „13 Sins“


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.