13 Semester – Kritik

Solche Filme spielen fast immer in Berlin. 13 Semester aber, das Kinodebüt von Frieder Wittich, wagt den Sprung in die Provinz und beobachtet das Studentenleben in Darmstadt.

13 Semester

Man muss sich das mal vorstellen: Im unseligen Bachelor-Zeitalter wird an den deutschen Universitäten gelitten, gestritten und gestreikt – nicht wie früher für die Weltrevolution, aber immerhin –, und ins Kino kommt ein Film, gegen den Die Feuerzangenbowle (Helmut Weiss, 1944) wirkt wie ein Aufruf zum Ungehorsam. 13 Semester, vom Verleih beworben als angeblich „erste deutsche Komödie über das Studentenleben“, lässt hübsche 20-jährige Mädchen „Mein lieber Scholli“ sagen und will uns weismachen, dass Idiome wie „Mein lieber Freund und Kupferstecher“ zum Vokabular der Jugend im Jahr 2009 gehören. Hauptfigur ist ein Student der Wirtschaftsmathematik, der in seiner gesamten, langen (heutzutage gilt man ja mit 13 Semestern schon als Bummelstudent) akademischen Karriere mit nur einer einzigen Frau schläft. Die sexuelle Forschheit eines gerade aus Indien wiedergekehrten Hippiemädchens weist er angewidert ab, um am Ende sein Happy End im Verkauf von – kein Witz – Maultaschen zu finden.

13 Semester

13 Semester gibt sich in seiner Nachäffung von studentischen Standardsituationen betont locker und abenteuerlustig, aber hinter den ausschweifenden Partys, den verliebten Blicken über den Mensa-Tisch, hinter den Boheme-Phasen und Selbstzweifeln steckt endlos viel weniger Mut zum Chaos als in den besseren amerikanischen College-Filmen, die hier offenbar Pate standen. Wir sind ja auch nicht in Kalifornien hier, sondern in Darmstadt.

Dorthin ziehen die beiden Freunde Momo (Max Riemelt) und Dirk (Robert Gwiskek), um ihr Studium aufzunehmen. Zu dem Träumer Momo und dem zielstrebigen Dirk kommen noch weitere typische Gestalten: Kommilitone und Mitbewohner Bernd, ein als Taxifahrer endender Partymacher (Alexander Fehling) und Aswin, der indische Gaststudent, der zwar kaum Deutsch kann, aber in der Wirtschaftsmathematik ist er ein As. Amit Shah spielt ihn als die einzige amüsante Figur im ganzen Film, die eine Genreeinordnung unter „Komödie“ einigermaßen rechtfertigen würde. Und dann ist da noch Kerstin (Claudia Eisinger, eine schöne Leinwandpräsenz) natürlich, Momos große Liebe.

13 Semester

Die Liebe ist es auch, die Momo handlungstreibend aus der Bahn wirft. An seinem gewählten Milieu hat der Film aber kein Interesse, nur an den davon zu erntenden mehr oder weniger lustigen oder tragischen Ereignissen, die er in routiniert und zuweilen auch einfallsreich inszenierte, unterhaltsame Stückchen mit hohem Wiedererkennungswert aufzuteilen weiß. Jeder, der mal eine Universität besucht hat, kennt, was hier zu sehen ist. Aber er vermisst auch eine ganze Menge. Politisches Engagement? Interesse an den Zuständen an den Hochschulen in der Bologna-Ära, über die jeden Tag in der Zeitung zu lesen ist, die Jagd nach Punkten und die Bürokratisierung der Bildung? Fehlanzeige. Stattdessen bleibt für die Protagonisten von 13 Semester die eigene Karriere im Blick, auch wenn das heißt, Seifenprodukte im Shopping-TV zu verkaufen. Die Boheme- und Selbstzweifelphasen mit Alkohol und Bademantel-Alltag erfüllen dann vor allem die Funktion einer Moral von der Geschicht’: Vorsicht vor den Versuchungen des Studentenlebens!

Es gibt eine Szene, die den ganzen Film, seine provinzielle Hybris und seine Biederkeit, in einen einzigen Satz zusammenfasst. Noch ganz am Anfang, als Momo auf Wohnungssuche ist und zu spät zu einer WG-Besichtigung kommt, da sagt der ein bisschen coole Typ an der Tür zu ihm: „Ich weiß ja nicht, wo du herkommst, aber das hier ist Darmstadt, Mann.“

Trailer zu „13 Semester“


Trailer ansehen (1)

Neue Trailer

alle neuen Trailer

Neue Kritiken

Kommentare


absolutmoviequeen

Ich hab den Film bei der Premiere in Berlin gesehen und finde die hier vorgeworfene "provinzielle Hybris" ganz und gar nicht verwerflich. Berlin wär doch viel zu offensichtlich gewesen. Die meisten Studenten kommen nun mal vom "Lande" und erleben - wie ich aus eigener Erfahrung berichten kann - ihr Studium sehr ähnlich wie Momo. Es gibt einige Stellen, die äußerst authentisch daherkommen. 13 Semester ist aus meiner Sicht ein voller Erfolg und Muss für jeden Studenten! Endlich mal ein Film über die beste Zeit des Lebens! Ich werde im Januar auf jeden Fall nochmal reingehen.


Joachim Kroeske

Na, dass ist ja mal einw Kritik. Wahrscheinlich hat der Autor gar nicht studiert, oder nur an richtig coolen Orten, wie Köln oder Heidelberg. Die Perspektive des Scheiterns im Studiums bleibt ihm ebenso fremd wie eine mögliche Monogamie (vielmehr scheint er die Qualität des Studiums und die Detailgenauigkeit der Darstellung an der Anzahl vollzogener Beischlafe zu messen). Und das etwas so Uncooles lustig umgesetzt sein kann: ein Ding der Unmöglichkeit.
Dass dann amerikanische Collegeklamotten als Maß der Dinge herangezogen werden (Was denn? American Pie 1-xx?) wirft ein bezeichnendes Bild auf diese Kritik.


Berni

Ich habe mir den Film gestern abend angeschaut und finde ihn richtig gut. Eine authentische, lustige und tiefgehende Beschreibung des Studentenlebens mit glaubwürdigen sich entwickelnden Personen. Kein Deutscher-Billig-Komödien-Humor! Ein Vielfaches besser als "Zweiohrküken" (wer wohnt denn in einem Loft und hat mal ebenso einen Oldtimer oder ein Boot zur Verfügung?). Noch ein Punkt zum Thema Provinz: Es gibt in Deutschland kaum richtige "Provinz", ebenso wie es keine richtige "Weltstadt" gibt (Berlin definitiv 2.Liga im Vergleich zu Paris, London, New York).






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.