13 Lakes

James Bennings 13 Lakes bietet 13 unterschiedliche Schauplätze, zwölf Schnitte, sowie ausschließlich Außenaufnahmen - und ist ein ungewöhnlich intensives Kinoerlebnis.

13 Lakes

13 amerikanische Seen stellt Benning vor. Jeden einzelnen zeigt er ungefähr zehn Minuten lang mit unbewegter Kamera in derselben Kadrierung: Die untere Hälfte des Bildes nimmt die Wasseroberfläche ein, die obere der Horizont und der meist wolkenverhangene Himmel. 13 Lakes ist auch ein Spiel von Ursache und Wirkung: Die Ereignisse oben haben unten Folgen: Die Wolken spiegeln sich im Wasser, Regentropfen zerstören die spiegelglatte Oberfläche, der Wind raut diese zusätzlich auf. Und natürlich kommt das Licht, welches die Wasseroberfläche jeweils in anderer Weise reflektiert, auch von oben. Die 13 Seeoberflächen fungieren als Einschreibungsfläche, den Elementen ebenso ausgesetzt wie dem Lichteinfall.

Jede Aufnahme besitzt ihren eigenen Reiz und ihre eigene Dramaturgie. Letztere wird mal durch ein paar Motorboote bestimmt, die durch das Bild rasen, mal durch Seevögel oder durch eine Autobrücke. Manchmal sind die Bilder fast vollständig bewegungsfrei, hohen Wellengang findet man sowieso auf keiner der Aufnahmen. Oft ist es nur das Spiel aus Licht und Schatten, oder leichte Änderungen der Wolkenformation, die die Mikrodynamik der Einstellungen prägen.

13 Lakes

Benning verwendet nur unbearbeiteten Originalton. Und ebenso, wie die Wasseroberfläche das Licht jedes Mal auf andere Weise bricht, wie Wind, Wellen oder Seevögel jeder Einstellung ein eigenes Aussehen verleihen, sind auch die Geräusche, die das Mikrophon einfängt, äußerst heterogen. Diese grundsätzliche Verschiedenheit verweist auf die lokale Spezifik jeder einzelnen Aufnahme und darauf, dass 13 Lakes auch ein Film über die USA ist. Indem er die Vereinigten Staaten ganz auf ihre Geographie reduziert, gelingt es Benning, die Komplexität und Vielfalt dieses Landes eindrucksvoll darzustellen. Schließlich umfasst das Panorama, welches 13 Lakes eröffnet, die polare Einsamkeit Alaskas ebenso wie den Oneida Lake nahe der Weltmetropole New York.

Ein See, kurz vor Ende des Films, scheint schließlich das Gesamtgefüge aus dem Gleichgewicht zu bringen: Der Crater Lake in Oregon, die vorletzte Station des Films, ist aus einem derart spitzen Winkel aufgenommen, dass die Wasseroberfläche zu einem nahezu perfekten Spiegel wird. Die Hügelkette am Horizont verschmilzt mit ihrem Spiegelbild, das entstehende Gebilde gewinnt ein Eigenleben und ist, je länger die Einstellung dauert, vom Auge immer schwieriger in seine Bestandteile zu zerlegen, zu perfekt ist die optische Illusion. Fast scheint es, als hinge ein Raumschiff in der oregoner Luft, ein Raumschiff mit leicht vibrierender Unterseite. Doch auch in diesem Moment bleibt 13 Lakes ganz bei sich selbst, bleibt Wahrnehmungskino in Reinform. Durch die Rekonstruktion spezifischer Sinneseindrücke finden Bennings Seenbilder in der persönlichen Erinnerung des einzelnen Individuums Anschluss.

13 Lakes

Mein Lieblingssee ist die Nummer Neun, der Iliamna Lake in Alaska. Obwohl im äußersten Norden der Vereinigten Staaten situiert, umgibt ihn in Bennings Kamerablick eine fast mediterrane Aura. Zehn Minuten lang beobachte ich diesen ruhigsten aller Seen, ein paar Möwen durchqueren ab und zu die Einstellung, im Hintergrund in der Bildmitte ist eine kleine Inselgruppe zu sehen. Das ist alles, und nach zehn Minuten bin ich tatsächlich wütend auf Benning, weil er mir diesen See, meinen See, weggenommen hat.

Einen Film wie 13 Lakes sieht man sich stets alleine an. Doch paradoxerweise ist das Kino, diese Institution der kollektiven sinnlichen Erfahrung, der einzige und logische Ort für diesen Film. Bennings Film ist ein Plädoyer fürs Kino und führt eindrucksvoll die Kraft des Filmmaterials – 13 Lakes wurde auf 16mm gedreht – vor, dem es gelungen ist, 13 amerikanische Seen zugänglich zu machen, sichtbar auch für denjenigen, der nicht eineinhalb Jahre lang durch Amerika reisen kann.

 

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