127 Hours

Danny Boyle dreht einen Videoclip über den Bergsteiger Aron Ralston, der fünf Tage lang in einer Höhle eingeklemmt war.

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Den Namen Danny Boyle verbindet man mit einem schicken, zeitgemäßen und visuell extravaganten Kino. Mit seinem neuesten Film 127 Hours wird der britische Regisseur diesem Ruf gleich in den ersten Minuten wieder gerecht. Begleitet vom technoidem Gewummer auf der Tonspur, gibt es Split Screens und Zeitraffer im Übermaß zu sehen. Schnell wird klar, worauf der Film mit seiner Gegenüberstellung von Menschenmengen und einsamen Landschaften hinauswill: Dem Großstädter von heute bleibt die Natur als letzte Zufluchtsmöglichkeit. Protagonist Aron (James Franco) ist jemand, der diese Flucht immer wieder antritt.

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127 Hours ist die Verfilmung von Aron Ralstons Buch „Im Canyon“, in dem der Bergsteiger ein extremes Erlebnis beschreibt. Ralston machte sich 2003 zu einer Klettertour zum Blue John Canyon auf, ohne Freunden oder Familie Bescheid zu geben. Dabei rutschte er aus und fiel in eine Felsspalte, in der sein Arm von einem großen Steinbrocken eingeklemmt wurde. Ohne fremde Hilfe und unter einem größeren Verlust schaffte er es nach fünf Tagen, sich zu befreien.

Boyle stand mit seinem Film vor einer dramaturgischen Herausforderung: Wie soll man einen Film massenkompatibel erzählen, der von einem Mann in einer Höhle erzählt? Man hätte ihn durchaus als Kammerspiel inszenieren können, in dem minutiös der Befreiungskampf seines Protagonisten erzählt wird und sich die Spannung im Kleinen entwickelt – ein ähnliches Konzept läuft momentan mit Buried - Lebend Begraben (Buried) (2010) im Kino. Genug Potenzial hätte die Vorlage. So versucht Aron etwa verschiedene Strategien, um den Felsen zu entfernen. Zusätzlich muss er seine minimalen Wasserreserven einteilen und sich schließlich vom eigenen Urin ernähren. Diese Art der inszenatorischen Zurückhaltung ist bekanntlich aber keine Stärke von Boyle. Bei ihm bleibt der Schauplatz der Höhle ein Mangel, den es durch Bezüge zur Außenwelt und einen Overkill an ästhetischen Spielereien auszugleichen gilt.

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Bereits die ersten 20 Minuten, in denen Aron mit seinem Fahrrad durch die weite Landschaft der Canyons fährt, dann auf zwei Wanderinnen trifft und mit ihnen in einer Höhle baden geht, haben für die eigentliche Handlung keinerlei Funktion. Vielmehr wirkt dieser Anfang mit protzigen Naturaufnahmen, sportlichem Aktionismus und der Zelebrierung eines erlebnisorientierten Lifestyles wie ein Werbefilm für die Outdoor-Bewegung. Dabei ist der Film stets darauf ausgerichtet, den Zuschauer möglichst intensiv mit einzubeziehen. Arons Sturz vom Fahrrad sehen wir ebenso als subjektive Einstellung wie seinen Sprung ins Wasser. Wenn er geradezu erotisch über einen Felsen streichelt, vollzieht die Kamera diese Bewegung aus nächster Nähe nach.

Ist Aron dann in seinem Gefängnis angekommen und der Filmtitel erscheint verspätet und wie ein rückwärts laufender Countdown, versucht Boyle mit ständigen Einstellungs- und Perspektivwechseln sowie ästhetischen Spielereien die Szenen in der Höhle möglichst dynamisch zu gestalten. Einen klugen dramaturgischen Kniff bildet eine von Ralston – auch in Wirklichkeit – mitgeführte digitale Videokamera. Diese legitimiert die Monologe, die Ralston seinen Angehörigen als Grußbotschaften hinterlassen will.

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Der Film verlässt für Arons Erinnerungen und Visionen schließlich auch immer wieder den Schauplatz der Höhle. Mehr als Rückblenden, die auf sehr illustrative Weise emotionale Ereignisse zeigen, fällt Boyle dazu aber nicht ein: Man sieht etwa Aaron als Kind, für den ein Besuch des Grand Canyon zum Initiationserlebnis seiner Naturbegeisterung wird, oder Bilder eines Streits mit seiner Ex-Freundin und anschließend zärtliche gemeinsame Momente im Bett. Gebraucht hätte es diese Bezüge zur Außenwelt nicht. Wie die gesamte Einführung wirken sie lediglich wie Füllmaterial, um 127 Hours mit seiner dünnen Handlung auf die Laufzeit eines herkömmlichen Spielfilms zu strecken.

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Kommentare


Marie

hey, ich habe diesen Film gesehen und fand es ziemlich berührend. DieKameraführung ist super und mann leidet mit. Rückblende sind keine Füllmaterial sondern erlauben die herausragende Entwicklung der mentalen Kraft des Darstellers nachvollzuziehen. GENIAL.


olli

würde marie in diesem punkt zustimmen, vorallem da bekannt ist, dass der echte aron ebenfalls wahnvorstellungen bekam und neben verschiedenen horroszenarien sich ebenfalls mit bildern aus seinem leben konfrontiert sah... meiner meinung nach ist das ein extrem wichtiger aspekt dieser wahren geschichte und sollte nicht weggelassen werden nur weil bestimmte filmkritiker nicht auf son "kitsch" stehen... es ist halt wirklich so passiert






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