BPM (Beats per Minute)

Aktivismus und die Spielfilmform, das beißt sich schnell: Zweifellos will Robin Campillo Kino schaffen, nur wohin, weshalb er strebt, beantwortet sein Film BPM ständig unterschiedlich. 

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Ein Film mit vielen Enden. Ein Protagonist guckt in die Kamera, das wäre fast zu cheesy, aber es würde doch passen zu diesem Unternehmen in aktivistischem Reenactment, wenn es das Schlussbild wäre. Oder eine große Menge Demonstranten, die durch dunkle Straßen ziehen, mit allerlei Insignien einer Totenprozession, die, aus einer majestätischen Aufsicht, die Stadt für sich einzunehmen scheint. Oder dieselben Demonstranten, wie sie alle auf dem Boden liegen, fast friedlich, als müsse die Wut aus der Stille geboren werden. Das eigentliche Schlussbild ist komplexer, uneindeutiger und, ohne zu viel zu verraten, passt deshalb auch besser zu den vielen Herzschlägen, die der Film im Titel trägt: Die Aktivisten, die den Kampf gegen AIDS nicht nur auf die Straßen tragen, sondern gerade zu den Entscheidungsträgern in ihre Büros, die Labore und auf die mondänen Empfänge, sie randalieren in einer Choreografie, die sich immer stärker wandelt, um einem ausgelassenen Tanz zu ähneln.

Aktivismus und die Spielfilmform, das beißt sich schnell: Für den Spielfilm braucht es Figuren, im Aktivismus darf es keine Helden geben. Eine filmisch erzählte Geschichte, egal wie viel sie von den historischen Ereignissen sich einverleibt – wie hier die Geschichte der Pariser Gruppe Act Up Anfang der 1990er Jahre –, spinnt Fäden, gestaltet Kontinuitäten, schafft Reiz und Reaktion, wo der Aktivist auf etwas Größeres, Wilderes, Unerschließbares hofft, um seine Aktionen mindestens vor sich selbst zu legitimieren. Dem lässt sich emphatisch mit Pathos begegnen, vor allem aus der historischen Distanz ist das einfach und erfolgreich – man denke etwa an Milk (2008) von Gus Van Sant, einen Film, der narrativ von der Zuspitzung auf einen politisch kanalisierten Kampf profitiert, letztlich aber auch die Mittel von Autorität, Gesetz und Rechtsstaat anerkennen muss oder möchte. Campillo will anderes, vieles andere.

Ein Beutel Kunstblut fliegt zu früh

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BPM (Beats per Minute), im Französischen 120 battements par minute, trägt ein anarchistisches Element in sich, in seiner Geschichte und der Struktur seiner Erzählung: Bevor er sich auf zwei Protagonisten einschießt, etabliert er als Subjekt die Gruppe. In einem Raum, der aussieht wie der Hörsaal einer Universität, vorne eine Tafel, hinten aufsteigend viele Reihen Stühle und Tische, suchen ein paar Dutzend überwiegend junger Menschen nach einem Vorgehen. Sie haben Regeln, und der Film führt sie zu Beginn ein: Wie wird gesprochen (kurz), wie entschieden (per Abstimmung), wie Wohlwollen ausgedrückt (mit Fingerschnipsen). Campillo verbringt viel Zeit in diesen wöchentlichen Meetings. Immer wieder leiten dieselben zwei die Treffen an, wird gerungen um Autorität, Slogans und die Form des Kampfes. Zu Beginn will die von Adèle Haenel gespielte Sophie einen Vorfall geklärt wissen: Bei der letzten Aktion, die sich gegen eine offenbar sehr langsam operierende staatlich eingesetzte Institution zum Kampf gegen AIDS richtete, flog nicht nur ein Beutel Kunstblut zu früh auf den Redner, sondern zwei der Gruppe legten ihm im Anschluss Handschellen um. Nötige oder unnötige Gewalt? Oder gar keine Gewalt, weil der Betroffene sich nicht wehrte? Hier wird nicht nach historischer Aufarbeitung früherer Kämpfe geforscht, sondern versucht, sich in die Situation zurückzuversetzen. Die Fragen müssen gestellt werden, als wäre die Zukunft noch offen.

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Kompliziert wird es nicht nur, weil Campillo sich mehr für die Männer als für die Frauen interessiert, mehr für die Schwulen als für die Lesben, mehr für die Kämpfer als für die Überforderten, sondern auch, weil er ein Bewusstsein für die Akzente hat, die er setzt. Auf der Dialogebene kritisiert BPM wiederholt den marginalisierten Kampf für Prostituierte, Drogensüchtige und Gefängnisinsassen und verlässt sich dennoch auf die Perspektiven der weniger Marginalisierten. Das ist zwiespältig, nicht weil es falsch ist, sich für diese Position zu entscheiden, sondern weil der Film als zentrale Erzählebene die Frage nach Repräsentation stellt, der Diskurs ständig mitläuft und die Antwort doch unentschieden wirkt. Wen zeigt wer aus welcher Haltung heraus? Einmal schlägt der Sprecher der Gruppe, Thibault (Antoine Reinartz), vor, beim Christopher Street Day wie in den USA an AIDS Erkrankte aus den Krankenhäusern auf die Straße zu bringen, im Zweifel im Rollstuhl. Sean (Nahuel Pérez Biscayart), der selbst immer stärker von der Krankheit mitgenommen ist, regt sich auf: Ist er ihm nicht krank genug, nicht betroffen genug?

Bemühte Emphase, halbgare Zurückhaltung

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Wenn es zu dieser Frage kommt, hat sich Sean längst zum eigentlichen Protagonisten entwickelt, zusammen mit Nathan (Arnaud Valois), deren Liebesgeschichte BPM wie in Beschlag nimmt. Was lange als Krankheit Schwuler galt, das kann nicht sinnvoll Thema sein, ohne auch von der Lust zu erzählen, die Männer füreinander empfinden. Mit welchen Bildern und welchen Tönen das klappen kann, ist eine andere Frage. Campillo entscheidet sich für einen Zwitter aus bemühter Emphase und halbgarer Zurückhaltung: Groß- und Detailaufnahmen in Zeitlupe, ja, glücklicher Sex, jein. Freundlich-antreibende Musik, ja, hochkochende Emotionen in der Liebe, jein. Konfetti in der Luft, ja, ein Ausstellen kranker Körper, jein.

BPM könnte als ein Film für eine sich gerade wieder politisierende Jugend verstanden werden, eine Anleitung zum Ungehorsam. Denn wenngleich der konkrete Kampf der Protagonisten heute zum größeren Teil gewonnen ist, sind ihre vielen antiautoritären Impulse und die schönen Exkurse gegen das Reflexhafte eines leichtfertigen politischen Aktivismus sehr willkommen – gerade bei einem oft steifen und dem Protokoll verhafteten Festival wie dem von Cannes, das mediale Berichterstattung nach billigen Reizen provoziert. Das Blöde ist nur: Campillo bietet kaum Anlass für Verärgerung, glättet und rundet ab, sucht Exzess und findet bekannte Kinomittel seiner Simulation, die weder mitreißen noch verunsichern. Das mag opportunistisch klingen, ist es aber vielleicht just nicht genug.

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