12 Tangos – Adios Buenos Aires

Tango als einzigartige Ausdrucksform für Sehnsucht und Liebesschmerz, aber auch für soziale Nöte, durch welche er überhaupt erst hervorgebracht worden ist. Arne Birkenstock versucht die derzeit eher disparate Stimmung in Argentinien mittels der Bedeutung des Tango zu veranschaulichen.

12 Tangos - Adios Buenos Aires

Wenn bloße Worte nichts mehr sagen, Töne alleine nicht mehr klingen, Gebärde und Mimik kaum mehr etwas zu bedeuten haben, dann gibt es nur noch eine Möglichkeit, seiner Wut, seinem Schmerz und seiner Sehnsucht einen Ausdruck zu verschaffen: den Tango. Zumindest scheint dies derzeit eine in Argentinien weit verbreitete Meinung zu sein. Arne Birkenstock hat die aktuelle Popularität des Tango in seinem Ursprungsland als Anlass genommen, die dortige Stimmung mittels der Musik und des Tanzes einzufangen und zu vermitteln.

Nachdem zwischen 1880 und 1930 etwa sechs Millionen Europäer in Argentinien eingewandert sind, ist es heute genau umgekehrt: Seit der Wirtschaftskrise vor vier Jahren wollen immer mehr Einwohner nach Spanien oder Frankreich, nach jenseits des Atlantischen Ozeans flüchten. Arne Birkenstock lässt in seiner Dokumentation drei Argentinier zu Wort kommen, deren Reise nach Europa noch vor ihnen liegt oder die dort bereits einige Jahrzehnte verbracht haben. Da ist der ehemalige Profitänzer Robert Tonet, der sogar schon in Washington auf der Bühne gestanden hat, die junge Tänzerin Marcela Maiola, seine Tangopartnerin, die als Lehrerin in Paris ihr Geld verdienen will, und Yolanda Zubieta, die in Spanien als Putzfrau arbeiten wird.

12 Tangos - Adios Buenos Aires

Trotz ihres unterschiedlichen Alters haben sie eines gemeinsam: alle drei sind von der wirtschaftlichen Krise des Landes betroffen, die zwar ihren Tiefpunkt bereits überwunden hat, jedoch noch heute die Gesellschaft prägt. Der Rentner Robert Tonet hat seine Ersparnisse durch das Corralito verloren, das argentinische System zur Beschränkung des Bargeldumlaufs, an sein Geld auf der Bank kam er nicht mehr heran. Heute erfreut sich der einstige Bohemien an einem Schnitzel; sein Haus, in dem er über sechzig Jahre gelebt hat, muss er verkaufen. Marcela Maiola sieht ebenso wenige Arbeitsmöglichkeiten in der Heimat wie Yolanda Zubieta, beide verlassen Buenos Aires.

Die Interviewszenen mit den drei Protagonisten werden durch Musik verbunden, die textlich und atmosphärisch die jeweiligen Geschichten weiter tragen sollen. So spielt das große Tango-All-Star-Orchester bekannte Lieder über verlorene Heimat und gebrochene Herzen oder singt die Tango-Rockband Las Muñecas von den „Vampiren“ des Internationalen Währungsfonds. Zwischen ihren Auftritt ist Archivmaterial geschnitten, das die Unruhen und Demonstrationen auf dem Plaza de Mayo vor dem Regierungsgebäude 2001 zeigt. Ursprünglich Ausdrucksmittel der sozialen Unterschicht, scheinen die Gründe für die seit der Hochzeit in den Dreißiger Jahren nicht mehr da gewesene Beliebtheit des Tango offensichtlich.

12 Tangos - Adios Buenos Aires

In der Dokumentation gehe es weniger um den Tango als vielmehr um die Tänzer, erklärt Arne Birkenstock zu Beginn – ein Versprechen, welches er im Folgenden nicht halten kann. So entsteht hier bald der Eindruck, als könne sich der frei schaffende Filmautor nicht recht entscheiden, wem oder was er seine Aufmerksamkeit schenken will. In einigen, wenigen längeren Sequenzen ist das faszinierende Schrittwerk zu sehen, das zwei Profitänzer zum Zweivierteltakt des Orchesters auf dem Parkett vollbringen. Da wirkt die Kamera völlig hypnotisiert von den aufs feinste abgestimmten erotisierenden Figuren; gebannt verfolgt sie jede Ocho, jede Firuelete und jedes Cruzada. Auch die Musiker erhalten ihren Raum, immer wieder sind sie am Bandoneon, an der Violine oder am Kontrabass zu sehen.

Anders verhält es sich mit den Interviewten. Trotz ihrer bildlichen Präsenz bleiben sie einem fremd, repräsentieren eher – doch auch das nicht wirklich – die verschiedenen Emigranten-Generationen als dass sie ihr persönliches Schicksal erzählen. Marcela Maiola möchte fort, soviel wird klar, was sie sonst noch neben ihrer Leidenschaft für Tango bestimmt oder was ihre Freunde, Gleichaltrige, über ihre Pläne denken, wird verschwiegen; warum Yolanda Zubieta ihre vier Kinder zurücklässt oder wie es ihr in Spanien ergeht, wird ausgeblendet, ebenso die sicherlich aufregende Biographie des alten Robert Tonet.

Die Verknüpfung der Emigrationsbewegung mit der Bedeutung des Tango ist einleuchtend und nahe liegend. Doch Arne Birkenstock gelingt es nicht so recht, die Idee überzeugend umzusetzen. Zu sehr schwankt er zwischen dem Tango und den Protagonisten ohne sie tatsächlich zusammenzubringen. Welche Bedeutung die Musik für diese persönlich hat, ist gar kein Thema. Beim Tanzen sind sie selbst so gut wie gar nicht zu sehen. Der Film verliert sich in manch anmutigen Bildern und vergisst dabei, tja, die Tänzer. Arne Birkenstock zeichnet ein eher skizzenhaftes Bild: von den Menschen, dem Land und selbst vom Tango. Allein die Musik vermittelt hier die Stimmung in Argentinien, die damals dort geherrscht haben mag und welche immer noch oder wieder, aber anders zu spüren ist.

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