1048 Moons

Festival International de Cinéma de Marseille 2017: Den Männern das Meer, den Frauen das Land: In ihrem Regiedebüt nimmt sich die Französin Charlotte Serrand Ovids wartender Heldinnen an und ist mal so frei, sie zu emanzipieren.

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Sie warten. Sie treten auf der Stelle, sie gehen unablässig auf den Felsenriffen auf und ab; vielleicht, weil die, auf die sie warten, über das Meer von ihnen gegangen sind und, wenn sie es denn endlich täten, über das Meer zurückkämen. Der Blick verliert sich in der Ferne, der Ungewissheit über die Rückkehr sind ebenso wenig Grenzen gesetzt wie dem scheinbar endlosen Ozean, doch es ist weniger das Weite, das vom menschlichen Auge Unabsteckbare, Unerfassbare, für das das Meeresmotiv einmal mehr herhalten soll; es ist viel eher ein Küstenmotiv, ein Grenzenmotiv. Nicht das Weite, sondern der Trug des Weiten; die Begrenzung und das äußerste Vorrücken bis an ebendiese Grenze, bis ein Vorwärtskommen nicht mehr möglich ist, bis der nächste Schritt nur noch in den Tod führen kann; der Stillstand.

Das Abseits rückt ins Zentrum

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Der Felsenkamm, der das Meer vom Land trennt und auf dem die Kamera so oft zum Ruhen kommt, als zeichne sie die scharfe Linie unablässig nach, ist hier Ort des Wartens, Ort der Sehnsucht, jedoch zuvorderst Geschlechterverortung. Der Globus ist säuberlich in zwei Hälften getrennt. Den Männern – die wir übrigens nie zu sehen bekommen – das Meer, die Bewegung, die Eroberung; den Frauen die Erde, die Starre, das Bewahren. 1048 Moons ist ein einziger ausgiebiger Gegenschuss zu den heroischen Erzählungen, in denen die Männer der weiblichen Hauptfiguren verwickelt sind. Charlotte Serrand erinnert daran, dass auf jeden Helden irgendjemand irgendwo wartet; sie rückt das Abseits ins Zentrum und versieht es mit Bedeutung, plädiert dafür, dass das Warten der Frauen eine eigene Geschichte ist.

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1048 Moons fußt lose auf Heroides, in dem Ovid Paare der Mythologie aufgreift und die zurückgebliebene Frau dem fortgegangenen Mann schreiben lässt: Briseis an Achilleus, Phyllis an Demophon, Hero an Leander … Fiktive Briefe von Frauen unterschiedlicher Erzählungen, unterschiedlicher Zeiten; die allermeisten unbeantwortet, dazu verdammt, Monologe zu bleiben, wehmütige Klagen unterbrochener Existenzen. Charlotte Serrand führt die Aneignung fort, bricht mit dem Monolog und holt die Frauen aus der Lethargie. Nicht indem sie die Angebeteten endlich antworten oder gar zurückkehren lässt, sondern indem sie die Wartenden zusammenführt und dazu ermächtigt, sich selbst zu genügen, eine eigene Identität jenseits des Bezugs auf den Abwesenden wiederzufinden.

Der Körper des Wartens

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Denn Warten ist nicht nur das, was diese Frauen tun, sondern auch das, was sie sind. Das Leben ist unterbrochen, es gibt die Frauen nur noch als Wartende; alle Sehnsucht, alle Kraft ist auf den Abwesenden gerichtet, alles Tun ist nur noch Verwalten des Wartens: das Warten gestalten, das Warten aussprechen, das Warten verkörpern. Charlotte Serrand zeigt präzise den Körper, die Gesten des Wartens; sie zeigt die Körperlichkeit des Wartens als etwas fast Mechanisches, Standardisiertes. Es sind keine individuellen Ausdrucksformen, sondern festgefahrene Bewegungen, immer wieder aufs Neue ausgeführt, mit der Beständigkeit und der Regelmäßigkeit des Mondes.

Jeder Paddelschlag eine Ermächtigung

Es gibt in 1048 Moons keinen urplötzlichen Befreiungsschlag. Der Umschlagspunkt ist schwer auszumachen, aber er wirkt sich zuallererst auf ebendiese starren Körper aus, allesamt in lange, einfarbige Gewänder gekleidet. Als Briseis ihren Bauch und ihre Scham entblößt und dem Meer entgegenstreckt, gibt es einen ersten Bruch. Die Gesten werden freier, seltsamer, das Urkomische platzt in die strengkomponierten Bilder des Films. Der durch die Begegnung der Frauen entstandene Anachronismus – sie hätten sich niemals begegnen können – wird auf die Spitze getrieben: Briseis hat schlechten Radioempfang, Penelope findet Polyester in ihren Shrimps. Dabei verweigert sich 1048 Moons der Verortung, möchte allenfalls in der Nicht-Verortung verortet werden, im Anachronismus, im Widerspruch, in der Verwirrung. Die Küsten der Bretagne sollen nicht als Mittelmeer verkleidet werden, sondern dürfen, sollen Bretagne bleiben: schroffe Kliffe, Bunkeranlagen. Der Film lässt seine Protagonistinnen in diesem unbestimmbaren Raum irren, führt sie aber konzentriert zu ihrer Emanzipation. „Die Erde soll unser Floß sein“, sagt eine der Frauen irgendwann sehnsüchtig, und das klingt nach einem romantisierten Arrangement mit der Rollenzuschreibung, die sie auf der Erde festnagelt. Charlotte Serrand aber möchte kein Arrangement, sie möchte die Befreiung. In einer der letzten Szenen schenkt sie ihren Protagonistinnen ein Boot und lässt sie dem von Ovid für sie vorgesehenen Ausgang entfliehen; man weiß nicht, wohin die Heldinnen paddeln, aber jeder Paddelschlag ist Ermächtigung.

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