10.000 BC

10.000 B.C. ist kontra Pyramide und pro Mammut. Damit könnte man sich abfinden, aber leider stimmt auch sonst vorne wie hinten nichts.

10.000 BC

Nach gut zehn Minuten greifen die Mammuts an. Und zwar nicht nur ein oder zwei, sondern gleich mehrere Dutzend. Ihre digital animierten Hufe bringen die digital animierte Hochebene zum Beben und für einige Minuten macht 10.000 BC (10,000 BC) richtig Spaß. Doch nur zu bald muss sich Roland Emmerich wieder seinem Plot widmen. Da raunt die Erzählstimme, da wimmert die Ethnomusik, da murmelt die Schamanin schamanenartige Dinge vor sich hin. Daneben steht der junge Krieger D´Leh (Steven Strait) und bandelt mit seiner Geliebten Evolet (Camilla Bene) an. Natürlich in englischer Sprache.

Seit einigen Jahren sucht eine Welle neoarchaischer Hollywoodfilme die hiesigen Kinoleinwände heim. Ob sich die Werke mit südamerikanischen Ureinwohnern beschäftigen (Apocalypto, 2006), mit dem griechischen Widerstand gegen die persische Armee (300, 2007) oder mit Vikingerausflügen nach Nordamerika (Pathfinder, 2007), das zugrundeliegende Narrativ ist stets ein und dasselbe: Ein aufrechtes, naturverbundenes, maskulin konnotiertes Volk muss sich gegen den Zugriff einer bösartigen, dekadenten und tendenziell weit weniger maskulinen Kultur, die sich auf einem höheren zivilisatorischen Niveau befindet, zur Wehr setzen. Meistens ist auch eine Liebesgeschichte im Spiel. Die Ideologiekritik hat leichtes Spiel mit Filmen, die mithilfe modernster Technik stumpf und fortschrittsfeindlich das prämoderne Patriarchat feiern. Eben deshalb sind die diesbezüglichen Auseinandersetzungen meist wenig interessant. Politische Filmkritik muss, um sich selbst zu rechtfertigen, mehr leisten als den bloßen Beißreflex.

10.000 BC

10.000 BC bedient sich fleißig bei den Vorgängern. Insbesondere Mel Gibsons Apocalypto wird schamlos geplündert. Roland Emmerich, der seine Filme gerne über Superlative definiert, sucht als Alleinstellungsmerkmal die ultimative Archaik und findet sie in einer zusammenfantasierten Steinzeit. D´Leh und Evolet sind Mitglieder eines Jäger- und Sammlervolkes, das sich im wilden Gebirgsland mit den Tücken der Natur auseinandersetzen muss. Eines Tages wird Evolet mit weiteren Stammesmitgliedern von brutalen berittenen Kriegern entführt. Gemeinsam mit einer Handvoll Kollegen begibt sich D´Leh auf Rettungsmission.

Dabei trifft er nicht nur auf allerlei digital animiertes Ungetier, sondern macht auch Bekanntschaft mit zwei aus seiner Sicht neuartigen Produktionsmodi. Zunächst bestaunen die Bergjäger die Erdbearbeitungsinstrumente eines selbstversorgenden Bauernvolkes, später lernen sie die Ausbeutungsmechanismen des orientalischen Despotismus kennen: Die Pyramidenbauer, die an der ganzen Misere Schuld tragen, entstammen einer Fantasieversion der ägyptischen Hochkultur. 10.000 BC verhandelt mehrere Jahrtausende Menschheitsgeschichte auf einen Streich. Via Analogie und Spiegelung möchte Emmerich den Bogen gar bis in die Gegenwart spannen: Unterdrückung und Ausbeutung ist allgegenwärtig, kulturelle und ethnische Differenzen sind präsent wie selten zuvor. Doch nur zu oft werden diese Differenzen im journalistischen Alltag mit einer Naivität dargestellt, die der emmerichschen bedenklich nahe kommt. Wenn 10.000 BC politisch ist, dann vielleicht gerade in dieser Hinsicht: Sein kruder Gesellschaftsdikurs hat wenig zu tun mit aktuellen geopolitischen Machtverhältnissen, aber viel mit unserer Unfähigkeit, dieselben angemessen zu beschreiben.

10.000 BC

Roland Emmerich springt auf den fahrenden Zug auf und bringt ihn prompt zum Entgleisen. Neue Dimensionen der Filmkunst haben auch die vorangegangenen Conan-Klone zugegebenermaßen nicht erschlossen; Apocalypto machte trotz fragwürdiger Ideologie Geschichte sichtbar und war der mit Abstand beste Film der Serie. Doch auch über Zack Snyders 300 konnte man noch ausgezeichnet streiten und Pathfinder bot immerhin grundsolides Kunsthandwerk. Bei Emmerich nun, dem auch weiterhin uninteressantesten aller Blockbusterregisseure, passt wenig zusammen.

Alles, was man dem amerikanischen Mainstreamkino pauschal und meist zu Unrecht vorwirft, bei Emmerich findet man es spätestens seit Godzilla (1998) noch stets bestätigt: Hanebüchene Plots, deren reaktionäre Schlagseite nur deshalb kaum sauer aufstößt, weil sie zu schlecht ausgearbeitet sind; Special Effekts als Selbstzweck und ohne jedes Gespür für filmästhetische Komposition; Figuren, die nicht nur bar jeder psychologischen Tiefe sind, sondern auch bar jeder Verankerung in auch nur irgendeiner Lebenswelt.

Ganz grundlegend nicht verstanden zu haben scheint der Regisseur das Kino, in welchem er arbeitet. Basis des amerikanischen Genrefilms war stets das Bewegungsbild. Emmerich kann kein Bewegungsbild. Oder vielleicht will er einfach nicht, denn seine vorsichtigen Versuche in diese Richtung zu Beginn von 10.000 BC sind gar nicht so schlecht. Der Mammutangriff macht Spaß. Die Sauriervögel sind fies. Ziel und Erfüllung der emmerichschen Bemühungen aber ist die Postkarte, das erstarrte Angeberpanorama, dem man vor allem die Millionen ansehen muss, die es gekostet hat. Die Postkarte wird nicht in Bewegung gesetzt und dekonstruiert wie bei Michael Bay oder Ridley Scott, sondern freigestellt und fetischisiert. Zwischen den statischen Highlights, den pseudoägyptischen Segelbooten etwa oder dem Pyramidenbaugewusel, muss man jede Menge Steinzeitseifenoper ertragen, die nicht nach Großproduktion aussieht, sondern tatsächlich nach Seifenoper. Selbst im Pornofilm ist der money shot besser integriert.

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Kommentare


Maid

Hmm das ist wohl einer überhaupt nicht gut auf emmerich zu sprechen..?! Was hast du denn von dem film erwartet? Ne detailgetreue, historisch korrekte inszenierung? Meiner Meinung nach geht man in so einen film und sich berieseln zu lassen und dabei popcorn zu essen... und man wird schön berieselt und bekommt popconrkino vom feinsten.


Argon

Das Review trifft nahezu perfekt.

Nach ungefähr der Hälfte habe ich beschlossen das mich der restliche Film nicht mehr interessiert.


Vielleicht hätte er noch eher funktioniert wenn er vor der Welle an Filmen mit ähnlicher Thematik gekommen wäre.Aber als Nachzügler bietet er viel zu wenig.

Ein paar bedeutungsschwangere Dialoge und Prophezeihungen weniger und wenigstens hier und da mal eine Wendung die man so nicht erwartet hätte.

Vermutlich ist es auch das was den Film tötet, das man einfach zu früh weiß wie er ausgehen wird.






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