10 Sekunden

„Das Schicksal mischt die Karten und wir spielen“, behauptete Schopenhauer. Nach einer Flugzeugkatastrophe pokert eine Handvoll Menschen mit hohen persönlichen Einsätzen und tragischem Ausgang.

10 Sekunden

„Glaubst du ans Schicksal?“, wird Kommissar Harald Kirchschläger (Sebastian Blomberg) in einer frühen Szene von seinem Kollegen gefragt. Die beiden Polizisten haben bei den Beteiligten eines Autounfalls gerade einen Koffer voller Ecstasy-Pillen entdeckt. Pech für die Dealer, Glück für die Ermittler. Zufall oder Bestimmung?

Genau vor einem Jahr befand sich Kirchschläger am Einsatzort einer Flugzeugkollision, bei der 83 Menschen starben und deren Bilder ihn bis heute verfolgen. Der Fluglotse Markus Hofer (Wolfram Koch) beobachtete damals auf seinem Monitor die drohende Katastrophe, hatte nur zehn Sekunden Zeit, um zu reagieren, und schaffte es nicht. Seitdem plagen ihn massive Schuldgefühle, die auch die Beziehung zu seiner Frau Franziska (Marie Bäumer) stark belasten. Der Ingenieur Erik Loth (Filip Peeters) hat bei dem Unglück Frau und Tochter verloren und reist nun mit einer Waffe im Gepäck in die Stadt des Lotsen.

10 Sekunden

Drehbuchautor und Regisseur Nicolai Rohde (Zwischen Tag und Nacht, 2004) hat sich für 10 Sekunden von einem 2002 stattgefundenen Zusammenprall zweier Flugzeuge über dem Bodensee inspirieren lassen. Ausgangspunkt seines frei ausgelegten Dramas sind drei verschiedene Zeitschienen, die im Finale zusammenlaufen. Die Episode des Polizisten setzt am Jahrestag des Absturzes ein, die des Ingenieurs einen Tag zuvor und die des Fluglotsen und seiner Frau zwei Wochen früher. Als Kirchschläger von Hofers Ermordung erfährt, macht er sich auf die fieberhafte Suche nach Erik Loth. Der begegnet im nächtlichen Leipzig der jungen Daniela (Hannah Herzsprung), die den schwarz gekleideten Mann, der aussieht, „als würde er auf eine Beerdigung gehen“, und sie anschaut, „wie ein Freund, der sich umgebracht hat“, unbekümmert mit in ihre Wohnung nimmt.

In Rohdes Chronik eines früh verkündeten Todes sprechen die Darsteller vorzugsweise mit Grabesstimme jede Menge bedeutungsschwere Sätze und werfen noch mehr vermeintlich bedeutungsvolle Blicke ins Leere oder in die Kamera. Diese heftet sich oft sehr nah an die Gesichter der Schauspieler oder fängt ihre Körper zwischen zwei engen vertikalen Linien von Fahrstuhlwänden und Türrahmen, Schließfächern und Hotelgängen ein, die wohl eine emotionale Gefangenschaft und zwanghafte Getriebenheit der Figuren versinnbildlichen sollen. Die Szenenbilder sind häufig in kühlen oder gedämpften Farben gehalten und nur spärlich oder wie in einer Art Zwischenwelt mit Neonlicht beleuchtet. Dazu erklingt im Hintergrund wiederholt klassische Trauermusik.

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Bei dieser durchexerzierten Todesstimmung mit vereinzelten Thriller-Elementen haben es Rohde und seine Co-Autoren Sönke Lars Neuwöhner und Sven S. Poser (Im Schwitzkasten, 2005) allerdings versäumt, ihren Charakteren klare Konturen und mehr als eine Dimension zu verleihen. Sie dienen hier überwiegend als Vehikel der elliptischen Erzählweise und sind vorrangig Stellvertreter der konstruierten Schicksalsverbundenheit ohne konkrete Eigenschaften, die Empathie aber erst ermöglichen würden. Große Gefühlsausbrüche werden so zur resonanzlosen, theatralischen Pose. Vor allem der Fluglotse bleibt eine blasse Randerscheinung, deren Tod daher kaum berührt, während die Inszenierung seiner Frau und ihrer heimlichen Affäre verhältnismäßig viel Platz einnimmt.

Man muss als Zuschauer von 10 Sekunden schon ausgeprägt schicksalsgläubig sein, wenn man sich von manchen unwahrscheinlichen Kreuzungen der drei Handlungsstränge und einigen forcierten Begegnungen der Protagonisten nicht verschaukelt fühlt. Die Polizistenfrau (Anna Loos) sitzt in einer Bar ausgerechnet neben der Affäre beichtenden Lotsenfrau und muss später in Gegenwart ihres Mannes außerdem noch ausbuchstabieren, wie komisch ein derartiges Aufeinandertreffen doch sei. Und im melodramatischen Showdown taucht eine der Hauptfiguren natürlich gerade in der alles entscheidenden Sekunde auf der Bildfläche auf.

Teaser 08

Die meisten Dialoge wirken zu abgehoben, eine Reihe von Einstellungen wie müde Plattitüden: der befreiende Schrei nach der Gefühlsunterdrückung, der tränenreiche Zusammenbruch am Unglücksort, der abschließende sentimentale Rückblick auf glückliche Zeiten. Der Regisseur entwirft keine überzeugende persönliche Sicht auf die Themen Tod, Schuld und Schicksal, die über oberflächliche Zeit- und Perspektivspielereien hinausreicht. Sein hoch strebender Film stürzt letztlich in eine stilisierte Substanzlosigkeit ab.

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