10 Kanus, 150 Speere und 3 Frauen

Der niederländische Regisseur Rolf de Heer hat im Outback Down Under den ersten Spielfilm gedreht, der einen Dialekt der Aborigines zur Originalsprache hat. Und in dem die Ureinwohner Australiens einmal nicht Opfer der Weißen oder der Moderne sind.

10 Kanus

Während die Kamera aus der Vogelperspektive einem scheinbar endlos langen Fluss durch atemberaubende australische Wälder folgt, begrüßt uns ein gutgelaunter Erzähler (David Gulpilil Ridjimiraril Dalaithngu) mit den Worten: „Once upon a time in a land far, far away.“ Fängt an zu kichern und meint: „I ’m only joking.“

Ein Märchen soll sie also nicht sein, die Geschichte des jungen Aborigines Dayindi (Jamie Dayindi Gulpilil Dalaithngu), der sich vor 1000 Jahren, während seiner ersten Gänseeier-Jagd, in die dritte Frau seines Bruders, des Stammesältesten Minygululu (Peter Minygululu), verliebt. Um Dayindi davon abzuhalten, die Gesetze seiner Gemeinschaft zu brechen, berichtet ihm der Ältere von einer Legende, die sich in den uralten mythischen Zeiten ihrer Vorfahren zugetragen hat, der so genannten „Traumzeit“. Auch diese handelte von einer verbotenen Liebe - und von ihren fatalen Konsequenzen.

10 Kanus

Die Narration springt fortan zwischen den zwei Erzählebenen hin und her, schert aus und begibt sich immer wieder auf abweichende, teils unüberschaubare Seitenpfade. Die Aufnahmen wechseln von Schwarz-Weiß zu Farbe und wieder zurück. Der nichtlineare Aufbau von 10 Kanus, 150 Speere und 3 Frauen (Ten Canoes) und die Doppelbesetzung der Darsteller mit Rollen in beiden Erzählungen können beim Zuschauer zu einer gelegentlichen Desorientierung führen.

An der Oberfläche erinnert die ebenso dramatische wie humoristische Fabel von Autor und Regisseur Rolf de Heer (The Tracker, 2002) und Co-Regisseur Peter Djigirr an Atanarjuat - Die Legende vom schnellen Läufer (Atanarjuat - The Fast Runner, 2001). Die kanadische Produktion erzählt wie 10 Kanus die folgenschwere Geschichte eines Mannes, der die Frau eines anderen begehrt und wurde ebenfalls ausschließlich mit Amateur-Darstellern in der Sprache der ansässigen Ureinwohner, der arktischen Inuit, gedreht.

10 Kanus

Es gibt jedoch einen entscheidenden Unterschied zwischen beiden Filmen, der zu verschiedenen Wahrnehmungen führt: Was Atanarjuat in Bildern zeigt, erklärt in 10 Kanus der englischsprachige (!) Erzähler. Er ist quasi unser Lehrer und Tourguide, eine Art Vermittler des Exotischen, der wie ein typischer Reiseführer hier und da auch mal amüsante Anekdoten zum Besten gibt. Gesprochen wird er von dem einzig professionellen Schauspieler der Produktion, David Gulpilil Ridjimiraril Dalaithngu, der sein Debüt in Nicolas Roegs Walkabout (1971) gab. Schon dort übernahm er die Funktion des ortskundigen Aborigines, der zwei verloren gegangene, orientierungslose weiße Kinder durch die australische Wüste führte.

Mittels der Erklärungen und Hinweise jenes Erzählers lernen wir in 10 Kanus ähnlich einer Episode von „National Geographic“ jede Menge Unbekanntes und Aufschlussreiches. Zum Beispiel dass man nie seinen Kot im Freien zurücklassen sollte, da ihn sich ein Fremder schnappen könnte, um einen damit zu verhexen. Oder dass man Männern mit kleinen Schwänzen nicht trauen sollte. Wir bleiben aber auch stets außen stehende Betrachter und kurzzeitige Besucher einer fernen Welt, werden nie wirklich Teil des Geschehens, wie es bei der Rezeption von Atanarjuat der Fall ist.

10 Kanus

Die unterschiedlichen formalen Umsetzungen beider Werke lassen sich stark vereinfacht vielleicht mit den voneinander abweichenden speziellen kulturellen Eigenarten der Inuit und der Aborigines begründen. Die Stämme der Aborigines kennen bis auf wenige Symbole keine Schriftzeichen. Somit nimmt das Erzählen, die mündliche Überlieferung von Mythen und Legenden an folgende Generationen, seit jeher einen großen Stellenwert in ihrer Gesellschaft ein. Dagegen kommunizieren die Volksgruppen der Inuit größtenteils mit Blicken, weniger mit Worten. Kinder werden durch das Vorleben ihrer Eltern erzogen, indem sie diese beobachten und ihre Rituale nachahmen.

Atanarjuat beschränkt sich darauf, diese Blicke und Rituale einzufangen und wiederzugeben. Er kommentiert oder erläutert sie nicht und ist dadurch trotz seiner fast doppelten Lauflänge insgesamt einladender und involvierender als 10 Kanus. Ersterer bietet dem Zuschauer die Möglichkeit, in eine faszinierende fremdartige Kultur einzutauchen. Zu- und mitzugucken wie die Inuit-Kinder. An ihren Besonderheiten und Bräuchen teilzuhaben. Sie nicht mit dem Abstand eines Gastes oder Touristen lediglich vorgestellt zu bekommen, wie es bei dem australischen Nachfolger der Fall ist.

10 Kanus

Hiervon abgesehen ist dem gebürtigen Holländer Rolf de Heer, der seit seinem achten Lebensjahr in Australien lebt, und seinen überwiegend einheimischen Mitarbeitern ein Film gelungen, der allein schon aufgrund seines außerordentlichen Settings bleibende Eindrücke hinterlässt. Und sich deutlich von der fragwürdigen Pseudo-Authentizität eines Apocalypto  (2006) absetzt. Zwar drehte Regisseur Mel Gibson seine Blut-und-Schweiß-Schlammschlacht vorgeblich in einem Dialekt der Maya, drückte dem Projekt aber ansonsten seine westlichen Vorstellungen vom Leben der mittelamerikanischen Volksgruppen auf.

Während Gibson eine Glorifizierung wenig bekleideter Körper betreibt, filmt de Heer Nacktheit als etwas Selbstverständliches und Unspektakuläres. In seinem Werk bilden die Aborigines und die Natur eine untrennbare, symbiotische Einheit, noch gänzlich unberührt von städtischer Zivilisation oder von späteren Diskriminierungen weißer Ausbeuter und Unterdrücker. In 10 Kanus, 150 Speere und 3 Frauen sind Australiens Ureinwohner einmal nicht Opfer äußerer Einflüsse, sondern allein für sich eine Geschichte wert. Die ist gleichermaßen poetisch und vielschichtig, erfordert von einem Zuschauer mit beschleunigteren Sehgewohnheiten allerdings ein wenig Sitzfleisch und Geduld. Denn: „It’s my story, not your story“, wie der Erzähler erläutert. „But it’s a good story.“

Trailer zu „10 Kanus, 150 Speere und 3 Frauen“


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