1. Mai

Im Rahmen eines Gemeinschaftsprojekts erzählen vier junge Regisseure vor dem Hintergrund der Krawalle zum 1. Mai in Berlin von Menschen in Ausnahmesituationen.

1. Mai

1. Mai beginnt mit einer nostalgisch verklärten Erinnerung an die Ausschreitungen zwischen Linken und Polizisten 1987 in Berlin. Mit feierlichem Tonfall ruft die Stimme aus dem Off jenen Tag ins Gedächtnis, an dem die Gewalt derart eskalierte, dass sich die Einsatzkräfte für kurze Zeit zurückziehen mussten und den Autonomen das Feld überließen. Zwar ist es auch bei späteren Mai-Demonstrationen immer wieder zu Ausschreitungen gekommen, aber nie wieder in diesem Ausmaß.

Wer seinen Film mit einem derart pathetischen Monolog eröffnet, spielt unweigerlich mit dem Mythos eines solchen Ereignisses und den Erwartungen des Publikums. Doch auch wenn der Vorspann diesen Gedanken nahe legt, ein politischer Film ist 1. Mai nicht geworden. Vielmehr findet der anfangs beschriebene Ausnahmezustand seine Entsprechung in den persönlichen Erfahrungen der Figuren. Diese haben mit der eigentlichen Bedeutung des 1. Mais als sozialistischem Feiertag nichts zu tun, ebenso wie die Mai-Demo lediglich Hintergrundkulisse dreier Geschichten ist.

1. Mai

Die Regisseure Sven Taddicken (Emmas Glück, 2006), Jakob Ziemnicki und Ludwig & Glaser (Detroit, 2003) haben für 1. Mai unabhängig voneinander und mit verschiedenen Teams jeweils eine Episode gedreht. Abgesehen von einigen Anforderungen – jede Episode sollte Szenen vom Originalschauplatz der Mai-Demo enthalten und jeder Protagonist mit einer Ausnahmesituation konfrontiert werden  – hatten die Regisseure künstlerische Freiheit. Die Geschichten handeln von zwei bürgerlichen Jungen aus der Provinz, die sich an den Krawallen beteiligen wollen, dem elfjährigen Yavuz (Cemal Subasi), der „einen Bullen platt machen“ will und einem Polizisten, der soeben erfahren hat, dass ihn seine Frau betrügt.

Obwohl 1. Mai mehr Projekt als herkömmlicher Episodenfilm ist, fügen sich die einzelnen Geschichten zu einer Einheit zusammen. Das liegt vor allem daran, dass sie nicht nacheinander, sondern abwechselnd erzählt werden und sich stilistisch sehr ähnlich sind. Qualitativ unterscheiden sich die Segmente aber durchaus. Am gelungensten ist noch die von Ludwig & Glaser inszenierte Episode über Jacob (Jacob Matschenz) und Pelle (Ludwig Trepte), die sich bei der Mai-Parade den besonderen Kick holen wollen. Die nicht unproblematische Beziehung zweier grundverschiedener Jungen liefert zunächst genug Konfliktpotential, um die Geschichte tragen zu können. Gerade weil die Episode als Freundschaftsdrama mit einem sich langsam steigernden Spannungsaufbau relativ gut funktioniert, ist es nicht nachvollziehbar, warum Ludwig & Glaser sie mit einer völlig unglaubwürdigen und überflüssigen Schlusswendung versehen haben.

1. Mai

Während der Episode über Yavuz und seine Bekanntschaft mit dem Alt-68er Harry (Peter Kurth) vor allem etwas Pädagogisches anhaftet, markiert die Geschichte um den gehörnten Polizisten Uwe den absoluten Tiefpunkt des Films. Regisseur Jacob Ziemnicki gelingt es weder, die abgedroschene Story noch die Hauptfigur (Benjamin Höppner) über einige plumpe Klischees hinaus interessant zu machen.

Selbst wenn man 1. Mai nicht auf seine Einzelepisoden beschränkt, sondern den Film als Ganzes betrachtet, kann er nicht überzeugen. Die scheinbar so spontanen und dokumentarischen Ansätze der Regisseure verhindern nicht, dass er über weite Strecken viel zu konstruiert wirkt. So besuchen die beiden bürgerlichen Krawallbrüder vor der Mai-Demo noch ein Museum, lassen sich von den Kunstwerken berieseln und geben alberne Sätze wie „Ich mag die Struktur“ von sich. Überhaupt bestehen die Dialoge überwiegend aus Phrasen, die man auch in jeder Seifenoper zu hören bekommt. Unabhängig davon, ob die Dialoge nun aus Improvisationen entstanden sind oder sich wirklich so im Drehbuch finden, vor dem Hintergrund einer mehr oder weniger authentischen Kulisse wirken sie umso lebloser.

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