00 Schneider – Im Wendekreis der Eidechse

Absurdität ist international, aber dann doch irgendwie spezifisch. In seiner neuen One-Man-Show bedient sich Helge Schneider aus dem Fundus des 1970er-Jahre-Polizeifilms.

Der Ruhrpott im südlichen Europa

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Es ist eine zeitlich wie räumlich hochgradig entgrenzte Filmwelt, in der der neue Fall von Kommissar Roy „00“ Schneider, 20 Jahre nach der Jagd auf Nihil Baxter (1994), seinen Ausgang nimmt. Der Ruhrpott versprüht auf einmal mediterranen Charme, wenn sich die Hauptfigur nach kurzer Autofahrt durch eine auf Seventies-Retro getrimmte westdeutsche Stadtkulisse plötzlich in Bildern einer in Sonne getauchten Felsenküste wiederfindet. Die im ganzen Film omnipräsente Radio-Tonspur lässt immer wieder auf den Großraum Marseille schließen, tatsächlich gedreht wurde für 00 Schneider – Im Wendekreis der Eidechse in Mühlheim, Essen, Duisburg und Almeria. Für Kohärenz sorgt ausgerechnet Schneider, der Meister der verhuschten Beliebigkeit, selbst. Zuerst vor allem ganz buchstäblich, taucht sein Name doch fast in jedem der einführenden Credits auf: Casting, Musik, Regie, Drehbuch; es ist klar, was nun folgt, ist eine One-Man-Show. Diese wird denn auch gleich physisch eingelöst, beinahe jeder Kader richtet sich an Schneiders ikonografisch gewordener Körperlichkeit aus: das zerknautschte Gesicht, der immer etwas unsicher und zögerlich wirkende Gang. Auch auf der Tonebene setzt sich diese Präsenz fort: der verspielte Soundtrack-Jazz ist ebenfalls längst Markenzeichen des Multiinstrumentalisten, die Radio-Sprecherstimmen sind immer die gleiche, Schneiders.

Schizo und Drag

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Die Aufspaltung seiner eigenen (Kunst-)Figur treibt Schneider trotzdem nicht ganz so weit wie im Vorgängerfilm. Zwar spielt er auch in Im Wendekreis der Eidechse neben der Hauptrolle noch zwei weitere Nebenfiguren (munteres Doktoren-Bashing: einen notgeilen Zahnarzt und einen pervers-sadistischen Psychiater), die Rolle des Gegenspielers, eines Schleim spuckenden, nikotinsüchtigen Sittenstrolchs namens Jean-Claude Pillemann überlässt er dieses Mal aber Musiker und Studio-Braun-Komiker Rocko Schamoni. Das an Skurrilität nur schwer zu überbietende Figurenduo wird ergänzt durch ein regelrechtes Sammelsurium von Ermittlern unterschiedlichster Herkunft, zumeist verkörpert von befreundeten Musiker-Kollegen: Man spricht Italienisch, Englisch, Deutsch mit wahlweise amerikanischem oder holländischem Akzent, trinkt eine Tasse Kaffee mit zwanzig Zuckerwürfeln darin, schält den ganzen Tag Mandarinen, empört sich über ein sein Unwesen treibendes Sexferkel und zitiert zwischendurch mal einen Dirty Harry-Spruch. Absurdität ist international. Und Im Wendekreis der Eidechse nicht nur ein Spiel mit nationalen, sondern auch mit geschlechtlichen Identitäten. Denn ein beinahe ausschließlich männlicher Cast bedeutet im komischen Universum Schneiders natürlich nicht, dass es keine Frauenrollen gibt. Und bevor es das Mannsweib vom Revier macht, trägt 00 Schneider während einer Undercover-Mission lieber selbst Rock und Handtasche.

Publikumsverachtung à la Schneider

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Das Filmbild bleibt von Schneiders Gesten des Unsinns im Vergleich zum ersten 00 Schneider-Film und seinen anderen beiden Arbeiten aus den 1990er Jahren (Texas – Doc Snyder hält die Welt in Atem, 1993; Praxis Dr. Hasenbein, 1997) so gut wie unangetastet, Im Wendekreis der Eidechse ist überraschend professionell produziert und verzichtet technisch auf jede Art von Laienhaftigkeit. Ganz im Gegenteil orientiert sich der Film doch durchaus am populären Kino, die Genre-Entlehnungen sind offensichtlich (auch hier bedient sich Schneider aus den 70er Jahren, der Hochphase des Polizeifilms). Wenngleich der Regisseur bis auf die unerschütterliche Coolness seiner Hauptfigur selbstverständlich nichts davon richtig durchdekliniert. Die im Prinzip geradlinig verlaufende, übergreifende Erzählstruktur – zwei Handlungsstränge, die des Ermittlers, die des Bösewichts, am Ende werden beide zusammengeführt – wird über die Aneinanderreihung sketchartig improvisierter Szenen immer wieder dekonstruiert. Dieses ständige Stolpern, Ausbremsen und Ins-Leere-laufen-Lassen wirkt, ist man nicht gerade ein Groupie von Schneiders Klamauk, vor allem in der ersten Hälfte (bevor die Narration tatsächlich auch mal ein wenig ins Rollen kommt, man sich auch als Zuschauer im Rhythmus des Films eingerichtet hat) dann immer doch auch sehr publikumsverachtend. Das Widerspenstige bleibt allzu hermetisch, und man wird das Gefühl nicht los, dass es bei der Produktion vor allem darum ging, dass die daran Beteiligten ordentlich Spaß hatten.

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