Zweimal Fußball

Damned United

Der ewige Gegner
Am Ende steht die schriftliche Liebeserklärung: „Brian Clough remains the greatest manager the England team never had.“ Regisseur Tom Hooper lässt ohnehin an keinem Moment von Der ewige Gegner (The Damned United) Zweifel an seiner Verehrung des mittlerweile verstorbenen Fußballtrainers aufkommen. Die gründet jedoch weniger auf einer Titelsammlung, wie sie etwa Udo Lattek bis in die Fußball-Talkshow „Doppelpass“ mit sich herumträgt, sondern auf Einstellung und Charisma des gebürtigen Middlesbroughers. Tom Hooper lässt sich keine Inszenierungsstrategien einfallen, um Clough als Taktikgenie oder überdimensionalen Motivator darzustellen. Ganz im Gegenteil: Nach einer Kabinenansprache, die auch unser Jürgen in Sönkes Sommerfiebertraum hätte halten können, wird trocken das Resultat eingeblendet: 0:5.

Hier geht es nicht um eine gradlinige Erfolgsgeschichte. Der ewige Gegner, basierend auf dem gleichnamigen Roman von David Peace, kreist vor allem um die unrühmlichen 44 Tage Amtszeit Cloughs in Leeds. Offenbar nur, um sein besonderes Verhältnis zu diesem Club zu erklären, wird im Rückgriff die zweite Trainerstation Cloughs im Bild bemüht. Was er nach dem Leeds-Desaster noch vollbrachte, findet einzig am Rande Erwähnung.

Hooper konzentriert sich auf das selbstgewählte Image des äußerst erfolgreichen Stürmers, der, ähnlich wie Uli Hoeneß, verletzungsbedingt bereits im Alter von 27 Jahren seine Karriere beenden musste. Clough hat sich Zeit seines Lebens mit dem Establishment gestritten, seine Feindschaften gepflegt (vor allem die im Film prominent ins Licht gesetzte mit Don Revie) und nebenbei beinahe den englischen Fußball revolutioniert. Lange bevor die Wengers und Mourinhos kontinentale Kickkultur auf die Insel brachten, setze Clough sich gegen Kick and Rush und für gepflegtes Kurzpassspiel ein. „Possession“ war für ihn zentral – wie heute für Louis van Gaal. Gewinnen wollte er immer, aber die Art und Weise war ihm nicht egal.

Der ewige Gegner trifft einen Nerv. Seit Jahren machen in den europäischen Topligen wenige Vereine den jeweiligen Titel unter sich aus, die Champions League zieht mittlerweile wie die Harlem Globetrotters mit der immerselben Besetzung von Saison zu Saison. Die Etablierten haben einen Wettbewerb kreiert, der Underdogs und Überraschungen ausschließt. Genau für solche stand aber Clough, dessen letzter aktiver Nachfahre heute die Hellenen trainiert. Beide schafften es als Einzige in ihren Ligen, mit einem Aufsteiger die Meisterschaft zu erringen, beide scheiterten bei den Großkopferten, auch am spielenden Personal. Und beide sicherten sich europäische Ehren, mit Vereinen, die im internationalen Vergleich eher provinziell zu nennen sind. Nur der Titel mit einem Nationalteam blieb Clough im Gegensatz zu seinem deutschen Pendant verwehrt. Aber was davon zu halten ist, hat Hooper uns ja unmissverständlich klargemacht.

Postskriptum: Die Extras der DVD können leider nicht ganz dem Niveau des Films standhalten. Zwar ist der großartige Michael Sheen als Clough-Imitator in verschiedenen nachgestellten Interviews zu sehen, gerne aber hätte man mehr vom Original. Da hilft uns das Internet. Empfehlenswert ist noch ein Artikel in 11 Freunde, Ausgabe 12/2009, den man allerdings leider nicht im Internet einsehen kann. Dafür aber einen anderen.

Maradona by Kusturica

Maradona by Kusturica
Der Titel legt die Marschroute vor. Hier geht es nicht nur um das argentinische Fußballgenie, sondern auch um den jugoslawischen Regisseur. Emir besucht Diego zu Hause, bei dessen Eltern und in dessen Fernsehsendung. Dafür lädt er ihn zu sich nach Belgrad ein, die beiden spielen gemeinsam Fußball, Diego tritt bei einem Konzert Emirs auf. Alles unterschnitten mit Exzerpten von Kusturicas Filmen, die anscheinend viel mit Maradonas Leben zu tun haben sollen. Zwar haben sich beide bis 2005 noch nie gesehen, und ob der Kicker die Filme des anderen kennt, darf bezweifelt werden, aber sie entschließen sich kurzerhand beide zu einer Drehfreundschaft. Da fehlt jegliche Distanz, und so kann es auch nicht zu kritischen Fragen kommen. Kusturica scheint die politische Haltung seine Idols zu gefallen, der sich reichlich unreflektiert zu Che Guevara und Fidel Castro bekennt. Schließlich begleitet Kusturica den Fußballer zu einer Kundgebung in Mar del Plata, wo Armando an der Seite von Hugo Chavez und Evo Morales auftritt. Maradona, der Freiheitskämpfer.

Hier wird in jeder Hinsicht Geniekult betrieben, und alle Exzesse unterstützen dies noch. Nicht auszudenken, was für ein Fußballer er ohne Drogenkonsum gewesen wäre. So jedenfalls sieht es der beizeiten geläuterte Mann aus dem Ghetto selbst. Das hat er sich selbst vorzuwerfen, alles andere den Mächtigen des Weltfußballs. Hier enttäuscht der Film endgültig auf ganzer Linie, denn da hätte Maradona sicherlich einiges zu erzählen. So bleibt es bei Andeutungen und Rundumschlägen, die sich selbst disqualifizieren. Dabei trifft der Argentinier in seinen dumpfen Tiraden so einiges, dem man gerne nachgehen würde. Doch das ist nicht Kusturicas Interesse, dem es einzig um Personenkult und die Selbstdarstellung Maradonas geht. Fußballinteressierte hätten gerne mehr über die Beziehung zu seinen Trainern – Menotti, Bilardo, Lattek – gehört. Aus deutscher Perspektive wären natürlich auch Statements zu Guido Buchwald oder Otto Rehhagel aufschlussreich gewesen. Stattdessen wird immer und immer wieder das Tor des Jahrhunderts eingespielt, das doch eigentlich „nur“ das WM-Tor des Jahrhunderts ist.

Wofür Kusturica nichts kann: Seine Dokumentation hört schlicht zu früh auf. Maradonas Leben hat im Jahr der Postproduktion noch eine entscheidende Wendung genommen. Als Nationaltrainer Argentiniens hat er sich inzwischen ein weiteres Mal fachlich und verbal disqualifiziert. Bleibt abzuwarten, wie sein Team bei dem anstehenden Weltturnier abschneidet. Bei Maradona kann man sich kaum etwas anderes als ein denkwürdiges Versagen oder einen phänomenalen Triumph vorstellen.

Kusturica wäre es vermutlich egal.

The Damned United (GB/USA 2009)
Sony Pictures
DVD-Verkaufsstart: 25.02.2010

Maradona by Kusturica (Frankreich/Spanien 2008)
Arthaus
DVD-Verkaufsstart: 18.02.2010

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