Vengeance

Johnny Hallyday rächt sich durch Johnnie Tos Bildwelten.

Vengeance

Regentropfen. Regenprasseln. Nur von unwirtlichem Neonstadtlicht durchbrochene Dunkelheit. Ginge man einzig nach meteorologischen und topografischen Indizien, könnte man Johnnie To auch den Fincher des Ostens (Hongkong, nicht Jena) nennen.

Zu vergleichen lohnt sich auch beider Erzählökonomie. Se7en (1995) radikalisiert den Serienmörderfilm, indem er jede Einstellung auflädt und sie gleichzeitig in formvollendeter formaler Strenge karg erscheinen lässt. So schafft es der Amerikaner, in einem hochkomplexen Zeichensystem doch nur das Nötigste zu erzählen, und schreitet in erstaunlichem Tempo voran. Der Effekt ist eine Dichte, die mit Leichtigkeit eine erstaunliche narrative Quantität vermittelt. Tos Ansatz steht dem fast diametral gegenüber. Der Hongkong-Chinese erforscht das Genre viel weniger, er variiert es. Und zwar vor allem ästhetisch. Die Inhalte werden fast paradigmatisch abgearbeitet: Anschlag auf eine Familie, Großvater kommt, Tochter nimmt ihm Racheversprechen ab, und los geht’s. Der Plot, aufgespalten in Szenenabfolgen, ließe sich als Zweizeiler so weiter erzählen. Im Gegensatz zu Fincher erzählt To auffällig wenig. Dabei geht er ebenfalls äußerst ökonomisch vor und sucht die Variation in Bildgestaltung und Montage: Fotos als Familiengalerie; Familienvater kehrt heim mit Kindern; in der Glastür zum Garten spiegelt sich die Silhouette des Killers; Türklingeln, Blutvergießen. Konventionell in den Motiven, unkonventionell jedoch in der Montage und im Aufbrechen der chronologischen Linearität am Ende der Sequenz.

Bei aller Ökonomie neigt To an anderen Stellen zum Opulenten, zum Ausufernden, zum Exzess. Seine Geschichten pendeln immer – zum Teil faszinierend – zwischen Kargheit und Überfrachtung. In Vengeance (Fuk Sau, 2009) ist die Kargheit durch Costello (Johnny Hallyday) verkörperlicht. Er kommt aus Frankreich, um seine Tochter und Enkelkinder zu rächen. Vielmehr ist von ihm nicht zu hören und zu sehen. Als Fremder, und zunehmend unter Gedächtnisverlust leidend, benötigt er Hilfe für seinen Rachefeldzug und findet sie in einem Trio aus Berufskollegen. Gedächtnisverlust und Rachefeldzug – da war doch was?

Überfrachtet ist Vengeance vor allem als Streifzug durch die Filmgeschichte. Kaum ein Bild, das nicht als Reminiszenz verstanden werden kann, vorneweg die immer in Anlehnung an Peckinpah inszenierten Shootouts und Gruppendynamiken. In seiner Anlehnung an den Western lässt sich Vengeance durchaus als Eastern lesen. Doch zerrt man all die Vergleiche und Verweise, auch auf das eigene Werk, herunter, was bleibt? In Zerstäuberwölkchen aufsteigende Blutfontänen und die obligatorischen Duelle, als einzelne immer mal wieder verstörend, betörend, begeisternd, entgeisternd. Als Ganzes fügt es sich nicht zusammen. Und will das vermutlich auch nicht einmal.

Vengeance (Hongkong/Frankreich 2009)
Koch Media
DVD-Verleih ab: 16.07.2010
DVD-Verkauf ab: 27.08.2010

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