Vaterland

Seit Material (2009) darf man risikolos behaupten, Thomas Heise sei neben Harun Farocki der wichtigste deutsche filmische Dokumentarist unserer Zeit.
Die Filmgalerie 451 bringt nun unter dem Titel Vaterland in der Revolver Edition dankenswerterweise verschiedene seiner Arbeiten als Doppel-DVD heraus.

Vaterland

Vaterland vertieft den Eindruck, den man durch Kinder, wie die Zeit vergeht (2008) und Material (2009) gewinnen konnte. Heise arbeitet als Chronist, spürt wie ein Seismograf Veränderungen auf, allerdings an Orten jenseits der gesamtöffentlichen Wahrnehmung. Geschichte lässt sich bei ihm aus den Menschen ableiten, die wiederum im Spannungsverhältnis zu ihrem sozialen Umfeld und ihrer geografischen Herkunft stehen.
In dem titelgebenden Dokumentarfilm aus dem Jahr 2002 begibt sich Heise nach Straguth. Dort, in Sachsen-Anhalt, ist viel von „den Russen“ die Rede, denen man im Zweifelsfall deutlich eher über den Weg traue als „den Wessis“. Ohne dass der Zuschauer es zunächst merken würde, geht Heise den Geschichten der örtlichen Kneipenbesucher nach, die sich im Kollektiv als Pokerrunde konstituieren. Der Blick gilt hier den besagten Vätern. Einer hat 14 Jahre Haft abgesessen (Erinnerungen an die Gefängnis-Sequenz aus Material werden wach), ein anderer ist urplötzlich von seiner Frau über die Renovierung seines Elternhauses verlassen worden. Sie ist weg, wie die Russen weg sind. Vor Ort nur noch Reste und die Kinder, Jungens, zumindest noch eine Zeit lang, als Countdown. Die Männer hier, im Schatten der Russen aufgewachsen, leben eine gewisse Brutalität in ihrer Sprache und darüber hinaus. Wenn es um den Schutz der Familie geht, stellen sie ungefragt Härte aus. Ein anderer Mann, der Wirt, ist nie Vater geworden. Die einzige Frau, die ab und an ins Zentrum rückt, scheint sich genau in diese Rolle nicht fügen zu wollen. Ehefrau ist sie, als solche sehen wir sie aber nicht, auch verbal wehrt sie sich gegen die Rolle. Was sie beschäftigt, sind Moden der Androgynität.
Vielleicht stehen die Männer hier so im Zentrum, weil sie es sind, die jene Kriege geführt haben, von denen bei Heise fast immer indirekt die Rede ist. Die Teilung Deutschlands, das rufen alle seine Filme an manchmal peripheren Stellen in Erinnerung, ist als Konsequenz des Nationalsozialismus zu verstehen.

Wichtiger Orientierungspunkt Heises ist immer wieder Heiner Müller, der auch in der Revolver Edition multiple Auftritte genießt. Während diese Vaterfigur bei 7 Töne im Gespräch mit Heises richtigem Vater Wolfgang zu hören und in Fragment (1987) bei Proben mit Ulrich Mühe zu sehen ist, gilt Der Ausländer (1987/2004) ganz ihr. Gorbatschow besucht die DDR, und Müller erinnert sich seines ersten Theaterstückes, macht sich zu seinem 59. Geburtstag an eine Reinszenierung, die Brückenschlag ist und den Abschluss einer Entwicklung bedeutet. Das Ende deutet sich an.
Auch Im Glück (Neger) (2006) strukturiert sich über Vater-Sohn-Konstellationen. Ein Junge, der sein Glück bei der Bundeswehr sucht, findet endlich eine Parallele zwischen sich und dem Alten: Beide sind Schützen – der eine im Panzer, der andere auf dem Kriegsschiff.

Heise spürt Jugendliche auf, mit denen er im Wendejahr ein Stück Müllers inszenierte. Familienglück scheint das Höchste, dabei so fragil. Wie der verlassene Restaurator der eigenen Familienchronik in Vaterland müssen die Männer auch hier feststellen, wie flüchtig die Liebe ist, wie unwirtlich der Staat, wie problematisch das Vaterglück. Während Vaterland sich vor allem mit Monologen der Gefilmten einbrennt, sticht aus Im Glück (Neger) ein Dialog hervor. Das Sozialamt und eine seiner pflichtbewussten Mitarbeiterinnen werden hier zum Zentrum surrealer Absurditäten. Eine Sozialrealsatire, die für sich spricht, den Amtswahn einfängt, ganz ohne Inszenierung. Derlei quasi eigenständige Sequenzen sind es, die Heises Schaffen im Einzelnen ausmachen – wie jene Gefängnissequenz in Material. Letztlich funktioniert Heises Werk allerdings in der Montage als Collage. In Der Ausländer  spricht Müller von einem „archäologischen Akt“ – und als solcher sind auch die Filme seines Schülers zu verstehen. Der setzt Geschichten nicht gegeneinander oder nebeneinander, sondern übereinander. In dem Gemenge muss der Betrachter selbst wühlen, in Heises Form gibt es kaum erklärende oder gar bevormundende Momente. An ihre Stelle rücken die fast hypnotischen Kamerafahrten und schaffen Raum. Denkraum.

Vaterland – 3 Filme, 1 Fragment, 7 Töne (Deutschland 1987–2006)
Filmgalerie 451 / Revolver Edition
DVD-Verkauf ab: 26.03.2010

Kommentare zu „Vaterland“


Ekkehard Knörer

"Seit Material (2009) darf man risikolos behaupten, Thomas Heise sei neben Harun Farocki der wichtigste deutsche filmische Dokumentarist unserer Zeit."

Risikolos? Also mindestens geht man dabei das Risiko ein, Volker Koepp vergessen zu haben. Würde ich sagen.






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