Ulrich Seidl Edition

Mit Trost ist nicht zu rechnen. Eine DVD-Box präsentiert sechs gnadenlose Filme des österreichischen Regisseurs Ulrich Seidl. 

Hundstage 1

Ausgerechnet an einem der ersten, so lang ersehnten Sommertage dieses Jahres Hundstage (2001) neu zu sichten, ist nicht nur ein bisschen masochistisch. Der anschließende Stadtspaziergang könnte einem gründlich verdorben werden – gerade wenn die nächste mit Möbelhäusern und Baumärkten gesäumte Ausfallstraße gleich um die Ecke liegt. Dass es sich hierbei um eine lebensfeindliche Umgebung handelt, spürt man als sensibler Zeitgenosse zwar auch ohne Ulrich Seidls Hilfe. Nach Sichtung des Films kommt man sich vor, als hätte man sich in der Hölle verlaufen. (Mehr dazu hier in der ausführlichen Kritik.)

Import Export

Neben Hundstage und seinem zweiten Spielfilm Import Export (2007) enthält die jüngst erschienene Ulrich-Seidl-Edition vier Dokumentationen – um einmal bei dieser offiziellen Unterscheidung zu bleiben – aus den 1990er Jahren, also der mittleren Werkphase des 1953 geborenen Regisseurs. Zwei davon, Mit Verlust ist zu rechnen (1992) und die Fernseharbeit Der Busenfreund (1997), erscheinen in Deutschland erstmals auf DVD. Ersterer Film handelt zwei Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und 18 Jahre vor Import Export erstmals von west-östlichen Grenzübergängen. Schauplätze sind zwei eng benachbarte Dörfer an der österreichisch-tschechischen Grenze. Die Geschichte der versuchten Brautwerbung eines österreichischen Witwers um eine ebenfalls verwitwete Bewohnerin des tschechischen Dorfes erzählt Seidl nahezu anrührend. Sie ist gebettet in Impressionen der Dörfer, die beide zugleich über das Wohlstandsgefälle kontrastiert und gleichermaßen als dunkle, spukhafte Unorte gezeigt werden. Viele der Seidl’schen Trademarks – die Tableaus, die langen Kamerafahrten, die bewegungslos in die Kamera starrenden Menschen, hier besonders exzessiv eingesetzt: die langsame, weiträumige Kreisfahrt, die eine Figur mit jeder Umdrehung näher ins Bild rückt – wirken in Mit Verlust ist zu rechnen noch etwas manieristisch, finden noch nicht ganz die zwingende Form späterer Filme. Dennoch sind vor allem die Bilder aus dem tschechischen Dorf von melancholischer, die Trostlosigkeit transzendierender Schönheit. Wie Untote stehen die Anwohner auf den halbdunklen Plätzen und Straßen herum, dazu schallen, als Relikt aus sozialistischer Zeit, Schlager und politische Ansprachen über die öffentlichen Lautsprecher.

Ulrich Seidl Box

Die oft unterschlagene komische Seite von Seidls Werk tritt in dem einstündigen Fernsehfilm Der Busenfreund deutlicher als sonst hervor, zugleich ist der Film die besonders ausgiebige Selbstentblößung einer Figur. In endlosen Monologen doziert ein fülliger Mathematiklehrer mit Pferdeschwanz über Busen im Allgemeinen und den von Senta Berger im Besonderen. Die Schauspielerin hält er für die perfekte Frau und für eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der Welt. Er erzählt, wie er ihr mehrfach nachgestellt habe und ihr am Burgtheater sogar einmal sehr nahe gekommen sei – man weiß nicht, wie viel man ihm glauben kann oder möchte. In weiteren Ausführungen widmet er sich Details der weiblichen Anatomie ebenso wie der Frage, warum „Ficken“ lautmalerisch ein gutes, „Nageln“ hingegen, das unangenehm an Jesu Kreuzigung erinnere, ein schlechtes Wort für den Geschlechtsakt sei. Kontrastiert wird all dies mit Szenen aus der Wohnung, in der er zwischen Zeitungsbergen und mit seiner alten Mutter haust – die sich um seine Zukunft nach ihrem Ableben sorgt, während er für sie nur Abweisung übrig hat. Insgesamt wirkt diese Figur fast ein wenig zu (schrecklich) schön, um wahr zu sein. So hebt Der Busenfreund, obgleich handwerklich am ehesten ein „klassischer“ Dokumentarfilm, noch eine weitere Linie in Seidls Werk deutlich hervor: die Selbstentblößung der Figuren ist immer auch vom Regisseur beim Dreh bewusst vorangetriebene Selbstdarstellung, Selbstinszenierung, Steigerung der vorgefundenen Realität ins Extreme.

Neben zwei weiteren Langfilmen – Models (1999) und Tierische Liebe (1995), einem der wahrscheinlich schwersterträglichen Filme aller Zeiten – enthält die schön aufgemachte Box noch Seidls Kurzfilm Der Ball (1982) sowie als Extras mehrere Trailer und Interviews.

Ulrich Seidl Edition
Österreich 1992–2007
Alamode Film / Al!ve
DVD-Verkauf ab:16.4.2010

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