Stunden voller Zärtlichkeit

Als Filme noch Moderato Cantabile heißen durften

Stunden voller Zärtlichkeit 2

Ennui. Der Sohn quält sich durch den Klavierunterricht, die Mutter, in der Ecke, leider auf ihre Weise. Hinter dem Fenster liegt die Welt voller Verheißung, dringt als Geräusch in den sterilen sozialen Raum. Ein Schrei. Der Junge wird zurechtgewiesen, bei der Mutter macht sich Nervosität bemerkbar. Erst als die Lehrerin das Fenster öffnet, ist Interesse am Außen erlaubt.

In der Cafébar ein Mord aus Leidenschaft. Anne (Jeanne Moreau), die Mutter und Industriellengattin, ist irritiert und fasziniert. Unter den Schaulustigen ein Fabrikarbeiter (Jean-Paul Belmondo). Die beiden werden sich wiedersehen, für eine Woche sachte aus dem Reglement ausbrechen.

Marguerite Duras, Alain Robbe-Grillet eine der Protagonistinnen des Nouveau Roman, hat die Vorlage für den Film geliefert und das Drehbuch mitverfasst. Regisseur Peter Brook, der wenige Jahre später mit Herr der Fliegen (Lord oft the Flies, 1963) eine heute kanonisierte Literaturverfilmung inszenierte, adaptierte den emanzipatorischen Stoff inmitten des Einbruchs der Nouvelle Vague. Vor allem mit Belmondo muss es sich in diesen Monaten und Jahren verhalten haben wie mit Robert De Niro und Al Pacino während des New Hollywood. Sie haben gedreht und gedreht, eine Extremrolle nach der anderen, keine mit der anderen vergleichbar. Mit einer gewissen Gier, mit der Lust am Stoff haben sie sich in ihre Rollen gestürzt, ehe sich das System und ihr eigener Status veränderte. Heute ist es atemberaubend, den jungen Belmondo der Jahre 1958–1963 zu sehen. Eine solche Leinwandpräsenz hat es seitdem nie wieder gegeben. In Moderato Cantabile spielt er eine für ihn – aus heutiger Sicht – ungewöhnliche Rolle. Fast zurückhaltend gibt er den Mann, der Auslöser für die Fantasien der Fabrikbesitzergattin ist. Mild ist sein Blick, passend zur Stimme. Gestik und Mimik sind minimalistisch, fast ein wenig gebrochen spricht er den Text der Duras. Peter Brook inszeniert ihn entsprechend, mit einem weitestgehenden Verzicht auf Nahaufnahmen. Fast automatisch wirkt der junge Belmondo wie die Inkarnation von Freiheit, das Gegenmodell seines obersten Chefs. Dabei ist es nicht einmal Jugendlichkeit, die er ausstrahlt. Die Ernsthaftigkeit, die Falten auf der Stirn, die malträtierte Nase – Belmondo ist so viril wie gezeichnet, ganz Mann, schon vor seinen Dreißigern. Das Gesicht ist blass, man nimmt ihm den Proletarier ab. Jeanne Moreau, fünf Jahre älter als er, ist schon viel weiter, in jeder Hinsicht. Sie ist das Zentrum der feministischen Geschichte, ganz Frau, ein erfahrener Star. Wohl im Sinne der Duras bleibt das Verhältnis der beiden immer behauptet. Moreau und Belmondo gehören nicht zusammen, passen nicht zusammen – wie ihre Figuren. Sie treffen sich an diesem frühen Punkt ihrer Karrieren, ehe sie beide ihr eigenes Modell des Stars ausprägen. In Erinnerung bleiben werden sie für andere Rollen, für die Arbeit mit anderen Regisseuren.

Unabhängig davon ist es faszinierend anzusehen, wie sich beide Regie und Buch unterordnen, wie der Film einen Moment der Freiheit atmet, den das frankophone  Kino durch Jean-Luc Godard, Jean-Pierre Melville, François Truffaut, Jacques Rivette, Robert Bresson, Louis Malle und Alain Resnais lebt.

Man könnte es auch so formulieren: Dem Film und all seinen Beteiligten ist eine Aufrichtigkeit anzumerken, eine Hingabe ans Kino und die Kunst, wie sie selten geworden ist.

Kommentare zu „Stunden voller Zärtlichkeit“

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.