Highlights von Arthaus

Elvis oder die Beatles, Truffaut oder Godard? Zumindest einer dieser Fragen kann man dank Arthaus im Wonnemonat Mai wieder tiefer auf den Grund gehen.

Jean-Luc Godard Edition 2

Während Emmanuel Laurents Godard trifft Truffaut – Deux de la Vague noch im Kino läuft, schenkt Arthaus den Müttern, Vätern und Cineasten das Duell Godard versus Truffaut auf DVD.

Gerade was den Vergleich der beiden Filmemacher angeht, bietet sich der zweite Teil der Godard-Edition zur Differenzierung an. Während sein geniales Frühwerk von Außer Atem (À bout de souffle, 1960) über Die Verachtung (Le Mépris, 1963) und Elf Uhr nachts (Pierrot le Fou, 1965) bis zu Weekend (1967) dem Erzählkino bei aller experimenteller Verfremdung doch noch stark verbunden ist, widmet sich Godard ab 1967 einem nicht nur formal, sondern auch dialogisch sehr politischen Kino zu, das immer wieder die Grenze zur teilweise geschwätzigen Agitation auslotet.

Außer Atem

Ganz offensichtlich gehört er, wie beispielsweise auch Peter Greenaway, zu jenen Filmemachern, die irgendwann begonnen haben, das narrative Kino zu verachten. Godard erforscht verschiedene Rhetoriken, stellt Fiktion und Dokumentation nebeneinander, überlagert sie, greift zur Collage.

Neben dem bekannteren Die Chinesin (La Chinoise, 1967) beinhaltet die zweite Edition JLG sieben weitere zwischen 1968 und 1980 entstandene Werke. Es handelt sich tatsächlich um die Phase, in der Godard und Truffaut sich entfremdet haben, bis zum ultimativen Bruch. Was nicht verwundert, stellt man die Filme gegenüber.

Dabei stehen durchaus Parallelen am Beginn: Jean-Pierre Léaud, der Antoine Doinel Truffauts, ist gleich mehrfach im weitesten Sinn als Alter Ego beider Regisseure zu sehen. Bei Godard ist fast jeder Protagonist irgendwie als Wiedergänger und Variation des Regisseurs zu verstehen, fast immer übt er den Beruf des Regisseurs aus, und manchmal heißt er sogar wie das reale Vorbild. An der Seite dieses Protagonisten findet sich regelmäßig mindestens eine Frau – auch jene zum Teil dem Arbeits- und Lebenskreis Truffauts entliehen. Tatsächlich lässt sich beinahe jeder Film Godards auch als Liebesgeschichte verstehen, aber – siehe Alles in Butter (Tout va bien, 1972) – meistens im Konjunktiv. So begreifen sich fast alle Filme Godards dieser Phase – als Versuchsanordnung im „Was wäre wenn“. Zum Teil ist das schon fast märchenhaft, wäre da nicht immer dieser pädagogische Impetus. Und die gewollte Brechung. Von Brecht ist immer wieder die Rede, von Duras auch. Kaum ein Film, in dem die Kamera nicht präsent wäre. Klappen werden geschlagen, Figuren adressieren die Linse, wie im Interview.

Thema dieser Phase ist die kulturelle Revolution in all ihren Auswüchsen, von der WG, der sexuellen Befreiung, bis hin zum Terrorismus. Fluchtpunkt ist der Mai 1968. Davor heißt es: „Frankreich 1967 ist wie schmutzige Teller“, danach: „Neue Formen für neue Inhalte finden“ – was durchaus als programmatisches Ansinnen des Regisseurs verstanden werden darf. Der Klassenkampf, die Fabrikbesitzer, immer wieder. Doch dann, irgendwann, Dutronc ist Godard und es heißt Rette sich wer kann (Das Leben, Sauve qui peut (la vie), 1980) fällt die Bilanz düster aus: „Das also ist aus der Revolution geworden.“

Ein wenig ließe sich das auch von jener hier beschriebenen Schaffensphase Godards behaupten, denn heraus gekommen ist engagiertes Kino. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Francois Truffaut Edition

Die Francois Truffaut Edition ist anders konzipiert, sie bietet einen Querschnitt, vom ersten bis zum letzten Film des Auteurs, beleuchtet etwa die Hälfte des Schaffens, darunter die Hauptwerke des Doinel-Zyklus. Ein Highlight sind dabei die Kurzfilme.

Auch Truffauts Filme sind im Kern immer Liebesgeschichten. Mal verspielt, wie Zwei Mädchen aus Wales und die Liebe zum Kontinent (Les Deux Anglaises et le continent, 1971), mal dramatisch wie Die Frau nebenan (La femme d’à coté, 1981). Truffaut huldigt den Frauen schon im Titel, seine Bildsprache und Narration sind dabei immer elegant. Mit Ein schönes Mädchen wie ich (Une belle fille comme moi, 1972) enthält die Sammlung einen der bislang weniger zugänglichen Filme, der sich tatsächlich als Randnotiz des Truffaut’schen Schaffens erweist. Ganz im Gegensatz dazu ragt Die süße Haut (La peau douce, 1964) als Meilenstein im Oeuvre des Regisseurs heraus. Im Zentrum steht dabei eine tödliche Affäre, die Truffaut unaufdringlich, beinahe distanziert und mit größtmöglicher Präzision in ihrem verhängnisvollen Verlauf verfolgt. Seine Meisterschaft als Filmemacher ist an diesem Punkt ausgereift, der Film dicht und konzentriert wie kaum eines seiner Werke davor und danach.

Die Brücke zu Godard, dessen Histoire(s) du cinéma (1988–98) als wichtiges Monument aus seinem Spätwerk herausragen, lässt sich über die Liebe zum Kino und Filmemachen schlagen. Zwar wird bei Truffaut nicht ständig auf den Apparatus und die eigene Medialität verwiesen, sondern stärker in Form von Zitat und Pastiche gearbeitet, doch gerade sein Vermächtnis Auf Liebe und Tod (Vivement dimanche! 1983) gibt sich ganz als Verbeugung an den magischen Ort – gewissermaßen als Pendant zu Die amerikanische Nacht (La nuit américaine, 1973), dem ultimativen Film im Film. Der Gestus gegenüber dem Kino und den Frauen ist bei Godard dabei jeweils jener der Huldigung. Das kommt nicht aus ohne Sentimentalitäten, die allerdings fast immer gebrochen werden.

Während die Truffaut-Edition durchaus als repräsentativ für das Schaffen des Regisseurs zu verstehen ist, gilt es die JLG Edition 2 richtig einzuordnen. Sie führt das Laboratorium Godards vor Augen, seine bewundernswerte Bereitschaft für immer neue Versuchsanordnungen und Experimente. Auch wenn der ein oder andere Diskurs outdatet scheint, dient die Sammlung doch als historisches Dokument für eine Phase, die uns in ihrer Polemik so fremd scheint, obwohl viele Gräben noch vorhanden sind.

Jean-Luc Godard Edition 2

DVD-Verkauf ab: 05.05.2011

 

Francois Truffaut Edition

DVD-Verkauf ab: 22.05.2011

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