Harry Brown

Michael Caine in einem zu smarten verkappten Remake von Death Wish 3.

Harry Brown 01

Regisseur Daniel Barber, dessen Kurzfilm Tonto Woman (2007) eine Oscarnominierung erhielt, weiß, was er tut. Den Beginn des Films sehen wir in rasant geschnittenen, scheinbar unkomponierten Videobildern ohne Farbkorrektur. Wir betrachten das Geschehen aus den Augen der Generation Twitter. Tatsächlich gibt es ja mittlerweile Wettbewerbe für Handyvideos, zu denen Minderjährige aufgerufen werden.

Dann wird alles gedämpfter, stiller, arrangierter. Harry Brown ist alt und müde. Langsam schält er sich und seinen Pyjama aus dem Bett. Dieser Mann soll rot sehen, wie es uns das Cover verspricht?  Michael Caine spielt keinen gealterten Carter, wie man vielleicht denken könnte, sondern einen eher durchschnittlichen Mann. Aber das war Paul Kersey schließlich auch. Und der ist die eigentliche Referenz. Harry blickt aus dem Fenster auf die Nachbarschaft wie Paul in Death Wish 3 (1985). Diesmal ist es nicht die Bronx der Prä-Giuliani-Ära, sondern ein fiktives Südlondon.

Nun ist Harry kein Architekt, sondern ein ehemaliger Royal Marine mit Nordirland-Erfahrung. Und hier bröckelt Barbers fein säuberliches Konstrukt allmählich. Alles ist motiviert, alles erklärt, alles glatt. Harry Brown ist kein Meta-Vigilante-Film wie Death Sentence (2007). Er steht nicht nur in der Tradition der Death-Wish-Reihe (1974–1994), er nimmt sich auch so ernst. Nicht von ungefähr wirbt das deutsche Cover mit der Zeile „Ein Mann räumt auf“, was nichts anderes als der deutsche Titel des Charles-Bronson-Vehikels Love and Bullets (1979) ist.

Die Frage, warum sich Michael Caine im hohen Alter noch als britisches Bronson-Plagiat verdingt, ist vermutlich recht einfach zu beantworten. „Für schlechte Filme bekomme ich dasselbe Honorar wie für gute“ ist eines seiner berühmtesten Zitate.

Harry Brown (Großbritannien 2009)

Ascot Elite

DVD-Verleih ab: 06.09.2010

DVD-Verkauf ab: 21.10.2010

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