Die Muppet Show – Die komplette erste Staffel

Die legendäre Dekonstruktion der Fernsehshow erstmals in Deutschland auf DVD.

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Die DVD verschafft der Medienkultur eine neue Geschichtlichkeit, die Möglichkeit, zurückzublicken und Dinge wiederzuentdecken und mit der eigenen Medienkindheit in Bezug zu setzen. Für die etwas Älteren war die Muppet-Show selbstverständlicher Bestandteil eines überschaubaren Medienalltags in den frühen 1980er Jahren. Immer am Samstagnachmittag auf ZDF begegnete man den diversen Kreaturen, die im Zusammenspiel mit ‚wirklichen‘ Gaststars eine halbe Stunde eine Show aufführten und zugleich den Blick hinter die Bühne ermöglichten. Da die meisten Nummern grandios scheiterten, die wilden, sowohl tier- als auch menschenartigen Puppen sich nicht immer zähmen ließen, bot sich nicht nur ein Blick auf das Zustandekommen der Show sondern auch auf deren Zerstörung und Dekonstruktion. Aber diese Ebene spielte nur auf eine unterschwellige Weise eine Rolle für den kindlichen Betrachter dieser Show, solche Aspekte werden deutlicher durch die Möglichkeit, heute auf den Gegenstand zurückzublicken.

Die erste deutsche DVD-Edition zur ersten Staffel der legendären Sendung  lässt mit dem Blick von heute deutlich werden, was das Besondere an dieser Sendung ist. Sie ist eine Parodie auf die Fernsehshow, die aber äußerst nostalgisch Bühnenformate wie die Music Hall oder das Vaudeville wiedererstehen lässt. Die Muppet Show lässt immer offen, ob sie Theater oder Fernsehen ist, sie ist ein Hybrid, der nur einen Teil der Sendung der Parodie von typischen Fernsehformen wie der Nachrichtenshow, der Talkshow oder der Soap Opera – besonders in Veterinarians Hospital (Die Tierklinik) – widmet. Der andere Teil bezieht sich auf die Welt der Musik und Bühne, in zum Teil sehr liebevollen (und durchaus ernstgemeinten) Nummern wie einigen Songs, die der Pianist Rowlf the Dog wiedergibt (häufig etwas ältere englische und amerikanische Evergreens aus Musicals), meist aber handelt es sich bei den Nummern um absurde, überdrehte Versionen wie etwa die durch den Schlagzeuger Animal mit einem gebrüllten ‚faster‘ zu immer größerer Schnelligkeit angetriebene Darbietung des Songs Sunny, der in einer Art Speedmetal-Desaster endet. Es sticht auch beim zweiten Sehen der emotionale Charakter der Show hervor, die Identifikation, die wir zu Figuren wie Gonzo aufbauen können, der um künstlerische Anerkennung ringt, einsam ist und nach einem Platz in dieser Show sucht. Oder Fozzy the Bears verzweifelter Versuch einer souveränen Darbietung als Bühnenkomiker, der immer wieder von den alten Männern auf der Loge, Waldorf und Stattler, zunichte gemacht wird.

Dass diese Show mehr als gewöhnliche Unterhaltung war, wird durch den erneuten Blick deutlich. Irritierende und unheimliche Momente wie Puppen, die in Songs Metaphern wörtlich nehmen und sich sukzessive Teile ihres Körpers entledigen, oder die ebenfalls wörtlich genommene Darbietung des Songs I Got you Under my Skin, in der eine Puppe von einer anderen Puppe verspeist wird. Auch die überdreht und selbstbestimmt ausgelebte Sexualität und Aggressivität von Miss Piggy tritt mit diesem Rückblick auf die Serie deutlicher vor Augen und verweist mit der Konstruktion einer neuen Weiblichkeit auf den archetypischen Charakter der Show.

Was ebenso auffällt ist, dass die Muppet Show nach Maßstäben einer televisuellen Ästhetik eine sehr einfache Show darstellt. Man könnte sich keine statischere Kamera vorstellen, die meisten Sketche und Nummern finden auf engsten Raum statt, es gibt geradezu eine Obsession für die halbnahe Einstellung, die es erlaubt, die Puppenspieler zu verbergen. Sehr stark wird mit dem Off gearbeitet, Figuren gehen unentwegt aus dem Bild heraus und treten wieder in den engen Bildraum ein. Das ist eine primitive, an das frühe Kino oder Fernsehen erinnernde Ästhetik, die sich sehr stark darauf fokussiert, eine Welt, die sich vor der Kamera befindet und nicht von dieser modelliert wird, abzubilden. Das bedeutet aber auch, dass die Muppet Show sehr realistisch und sehr überzeugend war, der Zuschauer sich gerne der Fantasie hingab und noch immer hingibt, dass es diese Figuren wirklich gibt. In diesem Sinne ist die Muppet Show trotz ihrer vielen selbstreflexiven Elemente, die auf die Medienkultur verweisen, eine Apotheose des ‚gewöhnlichen‘, statischen Fernsehens und der von diesem Medium konstruierten kleinen Welt, was einen wichtigen Unterschied zum Film darstellt.

Aber die Muppet Show ist auch eine Feier kultureller Diversität, des problemlosen Zusammenlebens unterschiedlichster Kreaturen, in der noch immer der aufklärerische und erzieherische Impetus des Vorgängerformats, der Sesamstraße, zu spüren ist. So blickt man auch auf die 1960er und 1970er Jahre zurück, auf die bereits vergangene Hippiekultur (der Look und Ethos vieler der Puppen verpflichtet sind), die hier noch einmal eine Heimstatt gefunden hat. Ein weiterer Grund dafür, warum diese noch immer überaus moderne Show doch einen sehr nostalgischen Charakter hat und wir auch auf eine vergangene Zeit zurückblicken. Die einzige Kritik an der Muppet Show und der großartigen Möglichkeit, die ersten 24 Episoden auf DVD wiederzusehen, bezieht sich auf die Gaststars, die für deutsche Zuschauer zum Teil sehr unbekannt waren und noch immer sind und die sich selten wirklich nahtlos in diese Welt einfügen. Menschen bleiben meistens Fremdkörper. Und so bleibt die Feier kultureller Diversität und des friedlichen und komischen Zusammenlebens unterschiedlichster Kreaturen wohl doch nur ein Traum, der sich auf diese ‚wirkliche‘ Welt der Puppen beschränkt.

Die Muppet Show – Die komplette erste Staffel (The Muppet Show, USA/UK 1976)
Disney
DVD-Verkauf ab: 2. Dezember 2010

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