Ein weiblicher Blick auf die Semaine de la Critique

de/von Eva Catherina Wagner - 31-5-2010 - Catégories/Kategorien: Critiques/Kritiken, Deutsch, La Toute Jeune Critique en direct/Live von der Ganz Jungen Kritik

Man mag es kaum glauben: Von den sieben Kurzfilmen, die uns die diesjährige Semaine de la Critique präsentierte, handelten allein zwei vom sexuellen Missbrauch weiblicher Leichen. Schöner junger Frauenleichen.

Der Regisseur Scott Graham lässt seinen stillen Antihelden, der unter dem grauen Himmel Schottlands eine jämmerliche Existenz als Kartoffelerntehelfer führt, vor lauter Traurigkeit über Leichen gehen, um endlich einmal eine Frau berühren zu dürfen. Ähnlich ergeht es der U-Boot-Mannschaft aus dem prämierten Kurzfilm Deeper than yesterday, die nach ihrem langen Frauenentzug gar nicht mehr anders kann, als die an der Wasseroberfläche treibende Frauenleiche nur noch als Objekt ihrer sexuellen Begierde zu sehen. Ein einziger mutiger Marinesoldat erbarmt sich, entführt den Leichnam und rettet ihn so vor der Schändung durch die Wodka saufende, lüstern scherzende Horde. Was lernen wir daraus: Wenn das Maß an Einsamkeit voll ist, überschreitet der Mann die Grenzen des Anstands und gibt sich rauschhaft seinen heimlichen Begierden hin?

Ein Glück, dass sich lebende Frauen noch selbst wehren können. Der französische Eröffnungsfilm Le nom des gens ist nichts anderes als die Geschichte einer attraktiven Frau, die als Mädchen sexuell missbraucht wurde, und im Gegenzug jetzt die Männer mit deren eigenen Waffen schlägt: Bahia nutzt den männlichen Geschlechtstrieb durchaus erfolgreich, um im großen Maßstab Konservative politisch zu konvertieren und zu Respekt gegenüber ethnischen und religiösen Minderheiten zu erziehen. Bahias gewinnender, fröhlicher Charakter mag darüber hinwegtäuschen, aber das Weltbild, das hinter diesem Film steht, ist ziemlich düster. Darin sind Männern ihre Überzeugungen in der Regel weitaus weniger wert als eine einzige Nacht mit einer hübschen jungen Frau.

Weiter in Richtung des Düsteren: Cheol-soo Jang sagt, in seinem Film Bedevilled gehe es um die Schwachen der Gesellschaft. Certes. Aber diese ganzen Schwachen konzentriert er in einer Frauenfigur und nicht etwa in einer Männerfigur. Er entwirft das Schicksal einer Frau, die von den Bewohnern einer entlegenen Insel als Arbeits- und Sex-Sklavin, Sündenbock und Objekt sadistischer Neigungen gehalten wird. Dabei vergisst man über die fesselnde schauspielerische Leistung der beiden koreanischen Hauptdarstellerinnen leicht, wie sehr das Drehbuch die Instrumentalisierung und Demütigung dieser Sklavin übertreibt. Der Zuschauer wird emotional so sehr in die Frage nach Recht und Unrecht hineingezogen, dass er andere wichtige Fragen ausblendet: Welche Realität soll der Film zur Sprache bringen? Und warum?

Eine Realität offenbar, in der Menschen wie vom Teufel besessen handeln, oder vielmehr zu Handlungen getrieben werden. Sowohl die Unterdrücker auf der Insel als auch die Frau, die so lange alles mit sich machen lässt, bis sie in kaltblütiger Rache ihre Peiniger enthauptet (mit eben der Sense, mit der sie gerade noch in praller Sonne Kartoffeln ernten musste), erliegen dem, was man das Böse nennen könnte. Jangs Film präsentiert eine Realität voller teuflischer männlicher Fleischeslust, die vernichtende Folgen für alle Beteiligten hat, und in die sich aus Feigheit und Bequemlichkeit keiner einzugreifen traut.

Warum diese Thematik? Was beunruhigt die Elite der jungen Generation der Filmemacher, beziehungsweise  die Auswahlkommission der Semaine de la Critique, die aus den mehr als 700 Bewerberfilmen genau solche auswählt, die, um es plakativ auszudrücken, derart männerfeindlich daher kommen?

Erste, naheliegende, Hypothese: Eine Anklage der zweifellos weiterhin stark präsenten patriarchalischen Strukturen auf unserem Globus. Doch wäre es in diesem Fall nicht effektiver gewesen, tatsächliche Schicksale von benachteiligten Frauen in den Blick zu nehmen, anstatt sie selbst zu konstruieren?

Die Regisseure schienen eher auf einer symbolischen Ebene untersuchen zu wollen, was aus Menschen werden kann, wenn sie extremen Belastungen ausgesetzt sind. Welche Tabus sie brechen, wenn ihre Persönlichkeit selbst gebrochen wird. Bahia ist hier die einzige, die es schafft, aus ihrem Schicksalsschlag eine produktive, lebensbejahende Kraft zu schöpfen. In den anderen genannten Filmen versinken die Figuren, unter lautem oder leisem Gebrüll, tiefer im Strudel von Leid und Gewalt – eine erstaunlich pessimistische Sichtweise.

Dass für dieses Elend vor allem die Männer verantwortlich gemacht werden, verwundert allerdings noch viel mehr. Freudlose blasse Gestalten, unfähig zu Initiative und Zuversicht, zu Gemeinschaft und Liebe, fremdgesteuert von einem unheimlichen Triebgefüge – ist das das Bild, das die Männer der Gegenwart von sich selbst haben? Die Rolle der Frau, die diese Art von Männern ertragen muss, ist demgegenüber weniger klar. Sehen die männlichen Regisseure des Nouveau souffle du Cinéma die Frau als duldsames Opfer oder als Kämpferin? – Eines steht fest: Die Gegenwart ist noch weit davon entfernt, Wirklichkeit unabhängig von der Kategorie des biologischen Geschlechts zu deuten.

In einem anderen Artikel wäre übrigens eine weitere seltsame Tendenz der Semaine de la Critique 2010 zu untersuchen – der tiefere Zusammenhang zwischen bedrohlichen Ereignissen und Kartoffeln.

Nina Wagner, Köln

Mots-clefs/Tags:

1 commentaire/1 Kommentar

  • Herbert Weigel schrieb

    Als ehemaliger Gast der “semaine de la critique” schaue ich von Zeit zu Zeit auf dieser Seite vorbei, teils um Reminiszenzen an eine schöne Woche zu pflegen, als 2008 Familienverhältnisse im weitesten Sinne in den Mittelpunkt gerückt wurden.
    Während der semaines 2009/10 selbst habe ich jeden Abend die Kritiken des Tages gelesen, um interessante Filme zu entdecken, wie das 2009 zum Beispiel mit “Adieu Gary” der Fall war, einem Film, den man in Deutschland eher nicht zu Gesicht bekommen wird.
    Genau den Eindruck, den Nina in ihrem Artikel beschreibt, hatte ich dieses Jahr nach Lektüre auch der französischen Beiträge auch.
    Da ich die Streifen natürlich nicht gesehen habe, fehlt mir der Hintergrund zur Auseinandersetzung mit Ninas Gedanken. Sie scheint mir dennoch recht zu haben, denn Realitätsbezug, der Schüler zu Filmen neben dem mainstream führt, scheint mir nicht immer die Stärke der ausgewählten Filme zu sein…

     

Eine Antwort schreiben/Rédiger une réponse