Sonne, tiefblaues Meer, weiße Zelte ziehen sich eng aneinandergereiht am Strand entlang. Der Blick geht über sie hinweg auf die Bucht mit den großen und kleinen Yachten aus aller Welt. Am Strandboulevard gleiten schwarzglänzende Luxuslimousinen entlang, deren Insassen sich den Blicken entziehen. Übergroße Plakate an den Fassaden der Hotelpaläste künden von der exotischen Filmwelt, die für eine Woche hier zu Hause ist. Cannes im Mai 2010. So wie seit 63 Jahren zelebriert diese Stadt das Weltfilmereignis, ist Treffpunkt der großen und kleinen Sterne mit ihrem Schweif an Komparsen mit Scheckheft und Bestellorder.
Die Schau beginnt am Abend vor dem Palast. Wie zu einer Krönung schreiten im Scheinwerferlicht die Stars, Schauspieler, Regisseure und Produzenten den roten Teppich hinauf, vom Sprecher begrüßt und von den Beats ihrer Filmmusik empfangen.
Das dicht gedrängte Volk wird von der Security auf Abstand gehalten und verfolgt das Geschehen auf der Großbildleinwand oder erhascht dank Fernglas oder Teleobjektiv einen kurzen Blick auf die Stars. Verzweifelt versuchen Unentwegte mit einem Pappschild auf sich aufmerksam zu machen und in letzter Minute doch noch eine Eintrittskarte zur Krönungsmesse zu erhalten.
Das ist Cannes, eine Stadt im Ausnahmezustand, wie jedes Jahr. Ein friedvolles Fest bei dem Stars und Sternchen, Reiche und Superreiche so greifbar nahe sind und doch hinter ihrer Glitzerfassade unter sich bleiben.
Das Wesentliche jedoch sind die Bilder, die von morgens bis spät in die Nacht über die vielen Kinoleinwände flimmern und das Publikum in ihren Bann ziehen. Tausende von Filmen wurden im Vorfeld von Experten gesichtet, verworfen oder für würdig befunden, in Cannes uraufgeführt zu werden.
Ein weltweiter Wirtschaftszweig lebt von diesem Spektakel. Die unzähligen Empfangszelte der Regionen und Nationen zeugen davon. Cannes, dieses einzigartige größte Filmfestival ist so lebendig wie eh und je.
Wir, die 24 Schülerinnen und Schüler aus Frankreich und Deutschland dürfen allerdings einen ganz anderen Blick in die Kinowelt werfen. Unsere blauen Badges am roten Halsband öffnen uns täglich die Pforten zu den Wettbewerbsbeiträgen der „Semaine de la Critique“, der ältesten Nebensektion der Filmfestspiele.

War es das gestrige Erstlingswerk aus Singapur, das ein großer Publikumserfolg wird, oder sollte es doch schnell in Vergessenheit geraten? Unsere Meinungen sind geteilt. Die Gruppendiskussion klärt erste Fragen und schärft unseren Blick. Dann geht es daran, eine Kritik zu schreiben, Bilder und Gedanken in Worte zu fassen, einen markanten Stil und eine prägende Überschrift zu finden. Die Zeit drängt, in zwei Stunden sollen die besten Texte an die Online- und Printmedien gehen.
Die Teams tauschen die Texte untereinander aus und stellen sich der Kritik der anderen. Erstaunlich, wie sachlich und fair Kritik geäußert wird, auch wenn es schmerzlich ist, wenn der eigene Text verworfen wird. Schließlich hat man sich redlich bemüht, in sich gehorcht, Gefühle preisgegeben, sich schon beim Abspann im Kino überlegt, wie man ansetzen könnte, welche Aussage der Film hinterlässt.
Hier draußen am Stadtrand, im Schatten eines Orangenbaumes setzen wir uns mit der Welt des Films auseinander, ordnen wir unsere Gedanken und Gefühle und nehmen die Impressionen, Bilder und Gedanken tief in uns auf, die junge Regisseure der ganzen Welt in Szene gesetzt haben.
Wir werden reicher an Erfahrungen aus dieser Stadt im Ausnahmezustand heimkehren!
Yes, we Cannes!































