Das hell-dunkle Varieté

de/von - 13-5-2010 - Catégories/Kategorien: Critiques/Kritiken, Deutsch

Tournée

Mathieu Amalrics Tournée eröffnete gestern den offiziellen Wettbewerb der 63. Filmfestspiele von Cannes. Als Regisseur ist der Franzose bis dato weniger aufgefallen denn als Schauspieler. Kenner der französischen Films schätzen ihn schon länger, im Mainstream ist er spätestens als Bösewicht des letzten Bond Streifens Ein Quantum Trost angekommen.

Rein thematisch eignet sich Tournée ganz famos als Einstieg ins Wettbewerbsprogramm, denn um Showbiz geht es dort, um Amerika und um Frankreich, um die Bande zwischen Schauwert und Gefühl. Amalric selbst spielt Joachim, einen zutiefst neurotischen, von allerlei schwer durchschaubaren Wünschen und Ängsten getriebenen Fernseh- und Theaterproduzenten. Irgendwas scheint schief gelaufen zu sein früher, in Frankreich, genauer in Paris. Auf jeden Fall ist er wieder da, zurück aus Amerika mitsamt einer Truppe komischer Vögel und einer Show. Gemeinsam touren sie entlang Frankreichs Küsten. Die New Burlesque ist ihr Metier, jene in den letzten Jahren frenetisch zelebrierte Wiederkehr des Varietés. Aber Amalric speist uns nicht ab mit den medienwirksamen Aushängeschildern der Bewegung, den von Teeses, Dresden Dolls, Christina Aguileras. Nein, die Frauen (und ein Mann) von Tournée sind the real shit, die Vorreiterinnen dieses post-emanzipatorischen, pro-lesbischen, female-power Bühnenspektakels. Mimi Le Meaux, Dirty Martini, Roky Roulette, so klingen die Namen dieser Welt.

Ja, schrill geht es zu, auf und hinter der Bühne, viel Alkohol (bevorzugt Champagner), viele Federn, viel Schminke, viel Geschrei, große Brüste und und und. Aber, zugleich verwunderlich und bewundernswert: der Film an sich ist weder schrill, noch effekthascherisch, noch beutet er die Nacktheit seiner Stars aus. Die Auftritte der Damen sind Highlights, nicht weil Amalric sie filmisch aufgedonnert hätte, sondern weil sie beizeiten einfach gut sind, frivol, witzig, klug. Die Truppe Amerikaner kommt in Frankreich ins Träumen und ins Trauern; das Heimweh, die Fremde und bestimmt auch ein tiefer wunder Punkt inmitten ihrer lauten Welt formen vollkommen ungehörte Harmonien.

Tournée ist ein eigenartiger, sicherlich auch irgendwie gescheiterter Film, erratisch, hilfesuchend und weich in Form und Inhalt. Seine unerklärte Freiheit zwischen Doku und Fiktion lässt ihn manchmal richtunglos schweben, vieles wirkt improvisiert. Das hingebungsvolle, professionelle Spiel Amalrics und die Laienhaftigkeit der Anderen können sich nicht immer finden, bleiben einander oftmals fern.

Aber das Skelett, die reine Form des Burlesquen ist und bleibt der Striptease, und das hat Amalric verstanden. So zieht er seinem Film immer wieder die Kleider aus und an, entblättert Figuren und Inszenierung, stößt dabei aber niemals auf Grund. Deutet der ganze Schein überhaupt noch auf irgendeine Substanz? Wenn ja, ist sie so verschüttet im Gewühl der Eitelkeiten und Gefühle, dass man sie genauso gut verloren geben darf. Man stelle sich einen verrückt gewordener Bühnenvorhang vor, der sich unablässig schließt und öffnet, Licht darf passieren, dann wieder beibt alles dunkel, währenddessen die Schauspieler zwischen Bühne und Zuschauerraum frei defilieren, zwischen wirklicher und filmischer Präsenz: Nichts ist klar, alles ineinander geschoben, einander überlagernd, alles ist und nichts ist Show, oder echtes Leben. Für diese zutiefst ehrliche, essentielle Hilflosigkeit kann man Tournée wirklich lieben.

Foto: Festival de Cannes

Mots-clefs/Tags: ,

Commentaires clos/Kommentare geschlossen