Twenty Cigarettes: Rauchen als Ausdruck individueller Persönlichkeit
James Benning, langjähriger Beobachter amerikanischer Landschaften, widmet sich in seinem neusten Film einem ungewohnten Motiv: dem Menschen oder genauer gesagt einem vom Menschen ausgeführten Vorgang. Dem Rauchen einer Zigarette – mittlerweile nicht nur in den USA zur subversiven Geste geworden – widmet Benning mit Twenty Cigarettes einen ganzen Film.
Das Konzept ist wie immer bei Benning einfach und klar strukturiert: 20 Menschen unterschiedlicher Herkunft, Altersgruppen und beiderlei Geschlechts rauchen an verschiedenen Orten der Welt vor einer statischen Kamera eine Zigarette. Die Dauer einer Einstellung entspricht ungefähr dem Zeitraum des Rauchens, wobei Benning auch teilweise früher abblendet. Unter den Personen befinden sich Prominente wie die Künstlerin Sharon Lockhart, der Filmregisseur Thom Andersen und der Subkultur-Forscher Dick Hebdige, aber auch Menschen, über deren Herkunft man nur rätseln kann. Weiterlesen/Lire la suite »
Same same but different: Genesis P-Orridge und Lady Jaye
In der Biografie des Musikers und Künstlers Genesis Breyer P-Orridge steckt reichlich Potenzial für einen spannenden Dokumentarfilm: In den 1970er und 1980er Jahren sorgte er in England mit der radikalen Performance-Gruppe COUM Transmissions für Aufruhr, war Mitbegründer der für elektronische Tanzmusik wegweisenden Industrial-Band Throbbing Gristle, kollaborierte mit Künstlern wie dem Schriftsteller William S. Burroughs und gründete die sektenähnliche Vereinigung Thee Temple ov Psychick Youth.
In der jüngeren Vergangenheit ließ er gemeinsam mit seiner neuen Frau Lady Jaye bis zu ihrem überraschendem Tod vor drei Jahren die Grenzen zwischen Leben und Kunst verwischen und schuf den Albtraum eines jeden Individualisten. Um seiner Liebe Ausdruck zu verleihen, glich sich das Paar mithilfe kosmetischer Veränderungen und chirurgischer Eingriffen äußerlich aneinander an, was vor allem bei P-Orridge sichtbar wurde: Er blondierte sich die Haare, ließ sich Brustimplantate einsetzen und trug überwiegend Frauenkleider. Weiterlesen/Lire la suite »
Vor jeder Berlinale gibt es Filme, die schon vor dem Festival von sich reden machen. Dieses Jahr ist es die Dokumentation über Michail Chodorkoswki, einem der reichsten russischen Oligarchen, der 2003 in Russland verhaftet wurde, weil er sich gegen Wladimir Putin gestellt hatte. Der deutsche Regisseur (mit russischen Vorfahren) Cyril Tuschi zeichnet in seinem Film ein komplexes Bild des aktuellen russischen Regimes.
Werner Herzog und der Fellmann bei den Dreharbeiten zu Cave of Forgotten Dreams
Das Kleine, Alltägliche hat Werner Herzog in seinen Filmen noch nie interessiert. Egal, ob es sich um seine Spielfilme oder Dokumentationen handelt, mit Vorliebe widmet er sich dem Archaischen, Mythischen, Heldenhaften und Monumentalen. Herzog zeigt dabei nicht nur gerne Menschen in Extremsituationen und an entlegenen Schauplätzen, sondern gibt sich auch bei den Dreharbeiten ausgesprochen abenteuerlustig.
So verhält es sich auch mit seiner neuesten Arbeit Cave of Forgotten Dreams, die gestern in der Wettbewerbssektion, jedoch außer Konkurrenz ihre Premiere feierte. Mit einer vom französischen Kultusminister persönlich erteilten Dreherlaubnis durfte Herzog dahin, wo noch nie eine Kamera zuvor war: in die Chauvet-Höhle, in der Nähe der südfranzösischen Ortschaft Vallon Pont-d’Arc, wo sich das früheste nachweisbare Zeugnis von Höhlenmalerei befindet. 1994 wurde die Höhle durch Zufall von einer Gruppe von Forschern entdeckt und ist seitdem ausschließlich für Wissenschaftler zugänglich, und auch das nur unter starken Beschränkungen – und Herzog wird auch nicht müde, die Einzigartigkeit dieser Expedition immer wieder zu betonen. Weiterlesen/Lire la suite »
Schalttafel auf der Leitwarte des ehemaligen Kernforschungszentrum Karlsruhe
Als in den 1960er Jahren in Deutschland die ersten Kernkraftwerke gebaut wurden, war die Bevölkerung noch voller Idealismus. Die zur Stromerzeugung genutzte Nuklearenergie sollte strikt getrennt werden von den verheerenden Folgen der Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki. Immer wieder wurde betont, dass es sich hier um eine friedliche Nutzung der Nuklearenergie handelt. Noch bis in die 1980er Jahre wurden im deutschsprachigen Raum Kernkraftwerke gebaut und die neue Technologie propagiert.
Seitdem hat sich einiges geändert. Ende der 1970er Jahre firmierte sich die Anti-Atomkraft-Bewegung, spätestens mit der Katastrophe in Tschernobyl 1986 ging es mit dem Image der Nuklearenergie dann zunehmend bergab, und immer mehr Kraftwerke wurden geschlossen.
Mit seinem Dokumentarfilm Unter Kontrolle über die Sicherheitsvorkehrungen in Atomkraftwerken hat Volker Sattel perfektes Timing bewiesen. Gerade jetzt, wo sich der Volkszorn wieder zunehmend auf der Straße entlädt, liegt so ein Film ganz am Puls der Zeit. Das Beachtliche dabei ist, dass Sattel auf den Protestzug nicht aufspringt und alles andere als einen agitatorischen Film gegen die Atomkraft gemacht hat. Vielmehr versammelt er verschiedene Gesprächspartner – deutlich mehr Befürworter als Gegner –, gewährt ungewohnte Einblicke in das Innere von Atomkraftwerken und überlässt das Urteil, wie sicher diese nun sind, bis auf die etwas tendenziöse Schlussszene dem Zuschauer. Weiterlesen/Lire la suite »
Eine recht weit verbreitete filmische Struktur, oftmals anzutreffen in sogenannten „Talking Heads“-Dokumentationen, erinnert frappierend an die Gesprächskonstellation der katholischen Beichte. Der Interviewführer ist nur anwesend als Stimme aus dem Off, versteckt wie hinter einer Trennwand. Die Unsichtbarkeit ist Repräsentation seiner Macht, die Stimme sein Instrument der Beeinflussung.
Sein Gesprächspartner ist dem quasi göttlichen Blick der Kamera ausgesetzt, der, neutral, bohrend, ungerührt, ebenso gut ein einziges wie Tausende von Augen bedeuten kann, der Blick des Großen Anderen. Denn im Kino treten wir Zuschauer an die Stelle der Kamera und blicken dem Menschen, der einst vor ihr stand, direkt ins Gesicht.
Viel wurde über das Verhalten der Menschen vor Kameras geschrieben, über den Zwang zur Pose, der Gestik und Mimik auf einen idealisierten Beobachter hin modifiziert. Gerade weil die Kamera nur eine Maschine ist, kann sie sich jedem beliebigen Menschen als Auge antragen.
Wie erschafft man vor der Kamera Intimität? Wie kann man diesen „sozialen“ Aspekt des Sprechens und Agierens vor der Kamera beschränken? Tamara Trampe und Johann Feindt werden sich diese Frage intensiv gestellt haben, denn in ihrem Film Wiegenlieder wollen sie intime Bekenntnisse von ihren Protagonisten, zur Not mit der emotionalen Brechstange. Kindheitserinnerungen, Ängste, Wünsche sollen zum Ausdruck kommen. Doch während wir immer mehr leiden unter den Blicken, die Trampe und Feindt uns einzunehmen zwingen, erkennen wir, wie man Intimität ganz sicher nicht vermittelt. Oder, denn wir Zuschauer nehmen stets nur Effekte wahr: wie Intimitätseffekte verhindert werden. Weiterlesen/Lire la suite »
Eine Handvoll schlauer Sätze gibt’s schon zu entdecken bei der Münchner Gruppe Blumentopf, zum Beispiel dieses kleine Zwiegespräch zwischen Schreibmaterial und Texteschreiber: „‚Dann gib mich wenigstens ins Altpapier‘ / murmelte die Seite am Ende meiner letzten Strophe beleidigt / ‚Ich glaube nicht an Reinkarnation‘ / hab ich ihr entgegnet / und sie danach im Ofen beseitigt“. Die Anekdote passt ganz wunderbar zu Lucy Walkers neuem Dokumentarfilm Waste Land.
Ein schematischer Abriss: Mensch lebt, hinterlässt Müll, Müllabfuhr, Deponie, Menschen leben von und auf der Deponie, sortieren Müll, sortierter Müll wird Rohmaterial, Rohmaterial wird wieder Ding, lebend verbraucht der Mensch die Dinge. Die Reinkarnation des Leblosen nennt man Recycling, ihre Umschlagstation ist die Deponie. Weiterlesen/Lire la suite »
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