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Wärmende Bilder

von/de - 17-2-2010 - Kategorien/Catégories: Deutsch, Filmkritiken / Critiques, Live von der Jury / Le jury en direct

Plein Sud

Fahren, fahren, fahren. Immer weiter, der Sonne entgegen, deren gleißendes Licht durch die Scheibe bricht und den Blick verschwimmen lässt. Geradeaus, nach Süden, alles hinter sich lassen, wie die Landschaft im Rückspiegel. Was weit zurückliegt, lässt Sam nicht los, und statt zu fliehen, muss er fahren, denn ein Brief seiner Mutter liegt im Handschuhfach, und eine Waffe. In seinem alten Ford begleiten ihn Léa und Mathieu, zwei Tramper auf der autoroute du midi. Auch die beiden Geschwister tragen etwas mit sich: Léa die Entscheidung über das Kind in ihrem Bauch und Mathieu seine wachsenden Gefühle für Sam.

Drei junge Helden machen eine Reise in lichtdurchfluteten Bildern von Sonne, Sex und Freiheit, unterlegt mit warmem Gitarrensound. So einfach könnte ein Roadmovie sein, brennend schön und so banal und eintönig wie ein langer Tag am Strand. Mit dem „Feeling“ sonniger Bilder und braungebrannter Körper lässt sich leicht die Leinwand füllen. Sébastien Lifshitz Plein Sud weiß das und tut es gerade deshalb, allerdings mit großer visueller Intelligenz.

Dieser Film feiert seine Bilder und genießt ihre Energie. Dabei generiert die Reise zwei Sorten von Vergangenheit. Die erste als digitales Souvenir, die zweite als traumatische Erinnerung. Léa verführt mit ihrem wilden Tanz Kamera und Zuschauer und eröffnet den Film in körnig digitalen Bildern der holiday cam. Der Charme verwackelter Urlaubsfilme nährt einen der Bilderströme in Plein Sud und erzeugt eine filmische Meta-Ebene, auf der der Film seine eigene Ästhetik reflektiert.

Aber Sonne, Strand und Léas Bikini sind nicht die einzigen Erinnerungen, auch Sams Kindheit treibt ihn und seine Beifahrer nach Süden. Seine Erinnerungsbilder ergeben die zweite Bildebene dieses Filmes. Leider sind sie langweilig schematisch organisiert. Eine Großaufnahme des einsamen Helden am Steuer, und dann wird uns die Rückblende ins Kindheitstrauma aufs Auge gedrückt. Hier ist der Film inkonsequent und verschenkt die Möglichkeit zum Spiel mit den Zeitebenen. Für das, was auf der Handlungsebene zwischen den Figuren passiert, funktionieren die Großaufnahmen besser und machen Introspektion auch ohne Flashback möglich. Die Gesichter sprechen für sich und erzeugen eine Spannung, die nur andeutungsweise ahnen lässt, welche Bilder diese drei Figuren verfolgen.

In Frankreich hatte der Film es schwer. Im kalten Dezember gestartet, hatte er Mühe, sich trotz Ferienzeit gegen die großen Blockbuster durchzusetzen. Dass die Kritik den Film für oberflächlich hielt, ist nach Lifshitz’ Meinung einer Art für sie typischen Prüderie geschuldet: „Ich habe das Gefühl, dass Schauspieler in Frankreich nicht einfach schön sein dürfen. Immer müssen die Figuren in einen sozialen Kontext passen und den Mittelschicht-Jedermann verkörpern.“ Für Kino, das sich selbstbewusst als Kunst ernst nimmt, sieht Lifshitz wenig Raum: „Die wirklich interessanten Filme erreichen nicht ihr Publikum, sondern sperren sich ins Arthouse-Ghetto.“

„Ich stehe zu der Ästhetik meines Films“, fügt er hinzu. Tatsächlich ist es das, worauf Plein Sud ganz setzt. Bei allem Formwillen mangelt es aber etwas an Komposition. Doch immerhin, auf der Berlinale ließ Plein Sud leicht die hartnäckigen Schneekrusten vorm Kinosaal vergessen. Und narrativ gibt dieser Film seinem Genre etwas Neues: heißer, sandiger Sex on the beach, unter Männern.

Plein Sud; Frankreich 2009; Regie: Sébastien Lifshitz; 90 Min.

Sektion Panorama

Letztes Screening am:

Samstag, 20.02.2010; 20:00; CinemaxX 7 (English Subtitles)

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