Schau! Mich! An!

von/de Nino Klingler - 16-2-2010 - Kategorien/Catégories: Deutsch, Filmkritiken/Critiques

Eine recht weit verbreitete filmische Struktur, oftmals anzutreffen in sogenannten „Talking Heads“-Dokumentationen, erinnert frappierend an die Gesprächskonstellation der katholischen Beichte. Der Interviewführer ist nur anwesend als Stimme aus dem Off, versteckt wie hinter einer Trennwand. Die Unsichtbarkeit ist Repräsentation seiner Macht, die Stimme sein Instrument der Beeinflussung.
Sein Gesprächspartner ist dem quasi göttlichen Blick der Kamera ausgesetzt, der, neutral, bohrend, ungerührt, ebenso gut ein einziges wie Tausende von Augen bedeuten kann, der Blick des Großen Anderen. Denn im Kino treten wir Zuschauer an die Stelle der Kamera und blicken dem Menschen, der einst vor ihr stand, direkt ins Gesicht.
Viel wurde über das Verhalten der Menschen vor Kameras geschrieben, über den Zwang zur Pose, der Gestik und Mimik auf einen idealisierten Beobachter hin modifiziert. Gerade weil die Kamera nur eine Maschine ist, kann sie sich jedem beliebigen Menschen als Auge antragen.
Wie erschafft man vor der Kamera Intimität? Wie kann man diesen „sozialen“ Aspekt des Sprechens und Agierens vor der Kamera beschränken? Tamara Trampe und Johann Feindt werden sich diese Frage intensiv gestellt haben, denn in ihrem Film Wiegenlieder wollen sie intime Bekenntnisse von ihren Protagonisten, zur Not mit der emotionalen Brechstange. Kindheitserinnerungen, Ängste, Wünsche sollen zum Ausdruck kommen. Doch während wir immer mehr leiden unter den Blicken, die Trampe und Feindt uns einzunehmen zwingen, erkennen wir, wie man Intimität ganz sicher nicht vermittelt. Oder, denn wir Zuschauer nehmen stets nur Effekte wahr: wie Intimitätseffekte verhindert werden.
Der bedeutsame Fehler dieses Films scheint in der Art der Interviewfragestellungen zu liegen. Denn anstatt das komplexe Gefüge intimer Situationen zu würdigen, das Zusammenspiel aus sprachlichem Gehalt und performativem Gestus, konzentriert sich Tamara Trampe in ihren Fragen nur auf den unmittelbaren Appell ans Emotionale. Sie fragt ganz direkt nach Gefühlen, ohne Umwege. „Erzähl mir von der Geburt, dem großen Glück, das du empfunden hast“, bittet sie beispielsweise eine junge Mutter. Oder Psychospielchen wie dieses: „Antworte spontan auf die Wörter, die ich dir sage: Liebe. Herz. Trauer.“ Wie der Priester, der unmittelbar Bekenntnisse erzwingt, der den Beichtenden, die eigene Machtposition ausnutzend, zu Offenbarungen des Intimen leiten will.
Einmal, als sich der tschetschenische Lyriker Apti Bisultanov erinnert, wie er mit dem Kopf gegen eine Mauer die tödlichen Schüsse erwartete, die Finger zertrümmert durch Schläge von Gewehrkolben, da sagt er, er habe an den Tod Garcia Lorcas gedacht. „Das interessiert mich nicht! Erzähl von dir!“, gemahnt Trampes Stimme. Aggressiv scheint das, diese Suche nach Offenbarung vor der Kamera, die Sucht nach dem aufgezeichneten Moment. Sie verbietet den Gesprächspartnern die selbst gewählten Umwege hin zur schmerzhaften Erinnerung. Es sind therapieähnliche Momente, oder inszenierte Teufelsaustreibungen.
Das Ergebnis sind Interviewsituationen, die dem Zuschauer wie auch den Menschen vor der Kamera in ihrer zwanghaften Ausstellung des Intimen verlegen stimmen. Man unterstellt uns eine voyeuristische Perspektive, eine Sehnsucht nach Einblick in Geheimnisse ist von vornherein gesetzt. Doch vielleicht sind gerade die Geheimnisse, die Ahnung ihrer Existenz, die wahrhaft intimen Momente. Unbehaglich wird einem zumute, man will nicht wissen. Auch deswegen, weil die Lebensberichte der Protagonisten mehr oder minder beziehungslos nebeneinander geordnet sind, letztlich nur auf ein je individuelles Leben verweisen und durch keine sinnstiftende filmische Form gebunden werden.
Dadurch erzielt der Film Effekte, die seinen Intentionen entgegengesetzt zu sein scheinen. Durch Trampes penetrant unspezifisches Fragen, durch ihre klare Zielsetzung, nur emotional bedeutsame Momente anzupeilen, entfremdet sie Zuschauer und Protagonisten in einer zweifachen Zwangsausübung. „Du musst reden! Und du musst schauen!“
In diesem geteilten Unbehagen fühlt man sich den Menschen im Film dann aber doch irgendwie verbunden, weil man wie sie wahrscheinlich die ganze Zeit über denkt: „Mach doch bitte die Kamera aus!“

Wiegenlieder von Tamara Trampe und Johann Feindt; Deutschland 2010, läuft in der Sektion Panorama zu folgenden Terminen:

Di            16.02.             15:30             Colosseum 1 (English subtitles)

Sa           20.02.             17:00             CineStar 7 (English subtitles)

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