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Die Rückseite der Wiedergeburt

von/de - 14-2-2010 - Kategorien/Catégories: Deutsch, Filmkritiken / Critiques

Eine Handvoll schlauer Sätze gibt’s schon zu entdecken bei der Münchner Gruppe Blumentopf, zum Beispiel dieses kleine Zwiegespräch zwischen Schreibmaterial und Texteschreiber: „‚Dann gib mich wenigstens ins Altpapier‘ / murmelte die Seite am Ende meiner letzten Strophe beleidigt / Ich glaube nicht an Reinkarnation / hab ich ihr entgegnet / und sie danach im Ofen beseitigt“. Die Anekdote passt ganz wunderbar zu Lucy Walkers neuem Dokumentarfilm Waste Land.

Ein schematischer Abriss: Mensch lebt, hinterlässt Müll, Müllabfuhr, Deponie, Menschen leben von und auf der Deponie, sortieren Müll, sortierter Müll wird Rohmaterial, Rohmaterial wird wieder Ding, lebend verbraucht der Mensch die Dinge. Die Reinkarnation des Leblosen nennt man Recycling, ihre Umschlagstation ist die Deponie.

Jardim Gramacho, Rio de Janeiro, der Welt größte Mülldeponie. Dort versucht der Künstler Vik Muniz, gefolgt von Walker und ihrer Kamera, den Kreislauf aufzubrechen, dem Recycling eine wirkliche Wiedergeburt entgegenzusetzen, einen Sprung heraus aus dem althergebrachten Leben, eine Materialveränderung. Denn, wenn dieser philosophische Schabernack erlaubt sei: Beim Recycling bleibt die Substanz der Materialien unangetastet, und sei es nur auf Ebene der Moleküle. Es ist die Akzidenz, die endlos neue Formen annimmt. Doch wie verändert man Substanz?

Eine menschliche Praxis fragt sich solcherlei quasi ununterbrochen, die Kunst. Vik Muniz erklärt uns das ganz schön folgendermaßen: Geh zu einem Ölgemälde, geh ganz nah heran, du siehst die Pinselstriche, die Risse, das Material. Geh weiter weg, du siehst das Bild, die Idee. Also: Aus Müll soll Kunst gemacht werden. Zusammen mit den Müllsortierern, den eigentlichen Helden des Films, macht Muniz genau das: Bilder herstellen aus Dingen, die im Jardim gefunden wurden. Das klingt ein bisschen sozialarbeitermäßig, ist es auch, aber warum sollte man da zynisch sein?

Am Ende, vor der Auktion in London, ein toller Moment. Muniz und Sebastião, Gewerkschaftsführer der cataderos, schlendern durch die Galerie. Dort das Bild von Sebastião, aus Tausenden von Gegenständen zusammengesetzt und dann großformatig abfotografiert. Gegenüber die Bronzestatue eines anderen Künstlers: die täuschend echte Kopie eines Müllsackes. Oder vielleicht steckt der Sack sogar noch drin. Auf jeden Fall kommen da zwei aus unterschiedlichen Richtungen und treffen sich im Wartesaal der Wiedergeburt: Aus Müll wird Kunst und aus Kunst – Müll. Wie ähnlich sind sich eigentlich Galerie und Deponie?

Doch darum geht es im Endeffekt gar nicht in Waste Land, sondern um die Menschen, mit denen Muniz zusammenarbeitet. Letzten Endes kann man nur beim Menschen von Reinkarnation sprechen, nur er schafft die echte Substanzveränderung, den Schritt in ein neues Leben. Das ist auch die schwierige Frage des Filmes, die Walker zwar stellt, aber allzu schnell wieder verschwinden lässt hinter Gefühlsausbrüchen der Freude und Dankbarkeit: Muniz ist Geburtshelfer der Müllsortierer, aber in was für ein Leben entlässt er sie? Eben noch das triste Dasein auf den Hügeln der Deponie, jetzt Kunst, Filmteam, Museen, Publikumspreis in Sundance. Wohin, woher? Da wird in nicht geringer Weise herumgepfuscht mit Menschen. Geworfen ist man im Endeffekt in jedes Leben.

Waste Land von Lucy Walker, Brasilien 2009, läuft in der Sektion Panorama an folgenden Terminen:

So 14.02. 14:30 CineStar 7 (English Subtitles)

Fr 19.02. 22:30 CineStar 7 (English Subtitles)

So 21.02. 15:30 Colosseum 1 (English Subtitles)

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