Unter der Haut der Stadt

Stets auf der Seite der Schwachen, Unterdrückten und Ausgestoßenen. Das Arsenal widmet der iranischen Filmemacherin Rakhshan Bani-Etamad vom 6. bis zum 24. Mai eine Werkschau.

Nargess

Die junge Nargess (Atefeh Razavi) ist dazu verdammt, sich um andere zu kümmern. Ihr Vater ist schwer krank, die Familie mittellos und das Mädchen aufgrund dieser unglücklichen Umstände nur schwer auf dem Heiratsmarkt zu vermitteln. Doch dann kommt Adel (Abolfazl Poorarab) und wirbt um sie; ein hilfsbereiter und schneidiger Kerl mit feschem Schnauzer. Wir als Zuschauer wissen zu diesem Zeitpunkt längst, was die Titelheldin aus Nargess (1992) erst sehr viel später erfahren wird: Adel ist ein unverbesserlicher Kleinkrimineller, der zu seiner älteren Komplizin in einem ungesunden Abhängigkeitsverhältnis steht und die Ehe mit Nargess als letzte Möglichkeit sieht, auf den rechten Weg zu kommen. Dass diese Dreiecksbeziehung keine Zukunft hat, zeichnet sich schon früh ab. Allerdings hindert das die Figuren nicht daran, mit aller Kraft für ihr Glück zu kämpfen. Den Grund dafür, verrät uns in einer Szene Adels abgeklärte Geliebte: „Es gibt auf alles eine Antwort. Außer auf die Einsamkeit.“

Under the Skin of the City 1

Nargess ist im Rahmen einer Werkschau zu sehen, die das Berliner Arsenal der iranischen Regisseurin Rakhshan Bani-Etamad widmet. Obwohl ihre Filme schon auf großen Festivals liefen – ihre letzte Regiearbeit Tales (Ghesse-ha, 2014) etwa im Wettbewerb von Venedig – ist sie hierzulande weitgehend unbekannt. Ihr engagierter Sozialrealismus ist den Filmen von prominenteren Landsmännern wie Abbas Kiarostami, Jafar Panahi und Mohsen Makhmalbaf nicht unähnlich. Allerding wirkt Bani-Etamads Zugang zum Kino klassischer und weniger verschnörkelt. Besonders Nargess bewegt sich innerhalb von Genre-Mustern und vereint Elemente des Gangsterfilms mit den Traditionen des Melodrams. Für mehrere kurze Momente konzentriert sich der Film etwa ganz auf das Leid der einzelnen Figuren. Er gibt den Protagonisten mit einem angemessen wuchtigen Soundtrack eine Bühne, auf der sie ihre Zerrissenheit und Verwundbarkeit ohne Hast nach außen tragen können.

Under the Skin of the City 2

Auch in späteren, mitunter komplexer strukturierten Filmen ist Bani-Etamad stets auf der Seite der Schwachen, Unterdrückten und Ausgestoßenen. Das können Verbrecher sein, Kranke, Drogensüchtige, politisch Aufsässige oder auch einfach nur Frauen, die aufgrund ihres Geschlechts im postrevolutionären Iran schnell an die Grenzen ihrer Möglichkeiten geraten. In Under the Skin of the City (Zir-e poost-e shahr, 2001) – dem letzten Teil einer mit Nargess begonnenen Trilogie – entfaltet sich anhand einer Familie ein ganzes Panorama verschiedener Schicksale. Dabei dient auch hier wieder ein mit Fabriken und schmutzigen Hinterhöfen gepflastertes Teheran als Kulisse für die zerplatzten Träume der Figuren. Doch so trostlos wie das klingt, ist es letztlich gar nicht. Häufig enden Bani-Etamads Filme mit einem Hoffnungsschimmer. Während die Eltern in Under the Skin of the City schon längst aufgegeben haben, und die älteren Kinder gerade ihre Chancenlosigkeit am eigenen Leib erfahren müssen, stimmen ihre jüngeren Geschwister optimistisch: Sie sind zwar ebenso wie die anderen mit den vielen Einschränkungen und Problemen in ihrem Land oder zumindest der unmittelbaren Nachbarschaft unzufrieden, sie versuchen aber auch, durch Aktivismus etwas daran zu ändern.

Our Times

Neben zahlreichen Spielfilmen (unter denen es leider die frühen Komödien nicht nach Berlin geschafft haben) hat Bani-Etamad auch einige dokumentarische Arbeiten gedreht. Our Times (Ruz-egar-e ma, 2002) beschäftigt sich etwa mit den Präsidentschaftswahlen, bei denen der gemäßigte und reformwillige Mohammad Chātami sein Amt verteidigte. Dabei hält der Film einerseits die Resignation von Politikerinnen fest, die es am Ende doch nicht ins Parlament schaffen, zeigt aber andererseits auch den Enthusiasmus einer neuen Wählergeneration: So sieht man Bani-Etamads Tochter – die Schauspielerin Baran Kosari, die zuletzt in dem Thriller Lantouri (2016) zu sehen war –, wie sie mit ihren Freundinnen auf der Straße ehrenamtlichen Wahlkampf betreibt. Auch nachdem sie von einem islamistischen Mob körperlich angegriffen wurde, verteilt sie unbeirrt ihre Handzettel weiter. Das Lächeln, das sie dabei auf dem Gesicht trägt, ist so stark, dass den reaktionären Kräften im Land davon angst und bange werden müsste. Wie schwierig die Arbeit von einer kritischen Regisseurin wie Rakhshan Bani-Etamad ist – auch nach zwei überstandenen Legislaturperioden des extrem konservativen Mahmud Ahmadinedschad –, kann sie nun in Berlin erzählen. An den ersten beiden Abenden der Reihe wird sie nach den Filmen zum Gespräch bereitstehen.

Das gesamte Programm der Reihe gibt es hier

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