Unknown Pleasures #8

Lustvolle Experimente: Vom 3. bis 18. Juni gibt es in Berlin wieder eigenwillige US-Independent-Filme zu sehen – erstmals im Kino Arsenal.

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Mit einer präzise geplanten Versuchsanordnung wird Unknown Pleasures dieses Jahr starten. Michael Almereyda hat mit Peter Sarsgaard in der Hauptrolle die berüchtigten Sozialexperimente von Stanley Milgram verfilmt. Jenseits klassischer Biopic-Strukturen konzentriert Almereyda sich in Experimenter zunächst auf den konkreten Versuch – ein „Lehrer“ bestraft einen „Schüler“ für falsche Antworten mit immer heftigeren Stromschlägen und weiß nichts davon, dass es bei der Studie nicht um Lernerfolg geht, sondern um blinden Gehorsam – und nimmt dann nach und nach den Sozialforscher selbst unter die Lupe – der sich durch die Vierte Wand hindurch immer wieder selbst erklärt und gegen Kritik zur Wehr setzt. Jenseits des Eröffnungsfilms zeichnet sich das auch in diesem Jahr von Hannes Brühwiler und Andrew Grant kuratierte Festival weniger durch präzise aus der Distanz geplante Experimente aus als durch einen lustvoll experimentierenden Realismus.

Soziale Prozesse in Queens

In Jackson Heights 01

Frederick Wiseman ist da wohl noch am ehesten distanzierter Forscher, auch wenn er seine Versuchsobjekte niemals so schematisch anordnet und mit Vorgaben ausstattet wie Milgram, sie vielmehr in ihrer „natürlichen Umgebung“ beobachtet. Sein neuester Film In Jackson Heights (hier unsere Kritik vom Filmfest Hamburg) über ein Stadtviertel in Queens ist eine detailreiche Mikroaufnahme sozialer Prozesse in einem ebenso vielfältigen wie von vielfältigen Umwälzungen betroffenen urbanen Raum. In über drei Stunden porträtiert Wiseman Stadteil-Initiativen unterschiedlichster sozialer Gruppen ebenso wie die bürokratische Maschinerie der Stadtverwaltung – und interessiert sich stets mehr für Überschneidungen als für Konflikte, weniger für nebeneinander existierende Paralleluniversen als für ein heterotopisches Miteinander. Neben Wiseman ist mit Paul Thomas Anderson ein weiterer prominenter Name im Programm vertreten: Unknown Pleasures präsentiert Andersons für die Streaming-Plattform MUBI entstandenen Musikfilm Junun, in dem der Regisseur den israelischen Komponisten Shye Ben Tzur dabei begleitet, wie er gemeinsam mit Radiohead-Gitarrist Jonny Greenwood mitten in Indien an seinem neuen Album feilt.

Bekannte Konstellationen, irritiert

Neben diesen bekannteren Namen bleibt aber wie immer viel Platz für hierzulande seltener gehörte Stimmen aus dem US-Indie-Universum. Patrick Wangs Romanverfilmung The Grief of Others geht von einem eigentlich durchgekauten Motiv aus – eine ganz normal dysfunktionale Familie muss einen Schicksalsschlag verarbeiten –, irritiert diese Konstellation aber immer wieder auf die wundersamsten Weisen. Nicht nur erzählerisch bleibt Wangs Film in jedem Moment offen für Nebenpfade und Abschweifungen, auch im Bild sucht er mit Überblendungen und anderen niemals bloß sich selbst ausstellenden Stilmitteln nach Spannungen und Stimmungen.

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Ist The Grief of Others komplett auf 16mm gedreht, so arbeitet Brigitta Wagner in ihrem semi-dokumentarischen Rosehill zumindest teilweise mit analogem Bildmaterial, das den fiktionalen Hauptstrang des Films immer wieder unterbricht. Dieser besteht aus dem Roadtrip einer wiederbelebten weiblichen Freundschaft: Katriona (Kate Chamuris) besucht ihre alte Freundin Alice (Josephine Decker), die von New York nach Indiana gezogen ist und als Sexualhistorikerin über Stag-Filme forscht – auch diese webt Wagner in ihren Film ein. Zusammen durchstreifen Katriona und Alice das ländliche Indiana, lernen faszinierende Frauen kennen (die im Abspann als „Goddesses“ bezeichnet werden) und werden doch immer wieder auf die unerfüllten Erwartungen ans eigene Leben zurückgeworfen. Sowohl Wang als auch Wagner werden ihre Filme in Berlin persönlich vorstellen.

Blicke zurück: Vintage-Kameras und Alltag in den 1970ern

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Mit Nathan Silver und Travis Wilkerson kehren zudem zwei alte Bekannte des Festivals ins Berliner Programm zurück. Silver, der schon im letzten Jahr mit Uncertain Terms vertreten war, widmet sich in seinem neuen, auf einer Vintage-Kamera aus den 1980ern gedrehten Film Stinking Heaven einer Community von ehemaligen Alkohol- und Drogenabhängigen, die im Jahr 1990 miteinander klarkommen müssen. Der politisch explizite Filmemacher Travis Wilkerson, der in der vorletzten Ausgabe des Festivals mit einer Werkschau bedacht worden war, ist mit seinem „Punk-Agit-Noir“ Machine Gun or Typewriter? vertreten. Abgerundet wird der aktuelle Teil des Programms durch Zach Weintraubs Slackjaw, ein Kurzfilmprogramm sowie den neuesten Film von Stephen Cone, zu dem wir in der nächsten Woche noch einen Text bringen werden. In Henry Gamble’s Birthday Party wird ein Geburtstagsfest im Pool zum Katalysator für sexuelle Begehren und theologische Fragen.

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Die Retrospektive ist in diesem Jahr dem 2013 verstorbenen Dokumentaristen Ed Pincus gewidmet, der in den 1970er Jahren nach thematischen Direct-Cinema-Versuchen ins Intime geflüchtet ist und in den dreieinhalbstündigen Diaries (1971–1976) den eigenen Alltag minutiös aufgezeichnet hat. Neben zwei weiteren frühen Filmen (Black Natchez von 1967 und Life and Other Anxieties von 1977) zeigt das Festival auch seinen letzten, gemeinsam mit Lucia Small gedrehten Film One Cut One Life, der kurz vor seinem Tod und schon im Wissen um die schwere Leukämieerkrankung entstanden ist.

Das gesamte Programm gibt es hier

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