Unerschütterliches Durchhaltevermögen

In ihren Langzeitdokumentationen lässt sich die tschechische Regisseurin Helena Třeštíková auf nervenzehrende Beziehungen mit ihren Gesprächspartnern ein – einer hat sie sogar ausgeraubt. Das Berliner Arsenal widmet ihr im März eine Retrospektive.

Rene 1

René sitzt mal wieder im Gefängnis. Eigentlich tut er das fast den gesamten Film und spricht dort über sein Leben und seinen Blick auf die Welt, kritzelt in seine Notizbücher oder liegt apathisch auf der Pritsche. Man kann regelrecht dabei zusehen, wie das selbstgezimmerte Desperado-Image mit der Zeit brüchiger wird, das Kokettieren verzweifelter, das Gesicht eingefallener, die Zähne schwärzer und die Monologe resignierter. Über zwei Jahrzehnte hat die tschechische Regisseurin Helena Třeštíková den Intensivtäter aus dysfunktionaler Familie begleitet und einen Lebensweg nachgezeichnet, der sich mehr hinter Gittern als in der Freiheit abspielt. Faszinierend an René (2008) ist nicht nur, dass Třeštíková nicht einmal von dem Jungen ablässt, als er ihre Wohnung ausraubt, sondern auch, wie das Verhältnis zwischen ihr und ihrem Interviewpartner immer wieder reflektiert wird.

Rene 2

Einmal wirft der Porträtierte Třeštíková vor, sie sehe ihn doch nur als Forschungsobjekt. Seine Mitbestimmung am Film beschränke sich lediglich darauf, ihre Fragen zu beantworten. Und doch kommt er immer wieder zurück zu ihr, schreibt Briefe, ruft sie an, wenn er mal wieder in der Klemme sitzt oder einfach jemanden braucht, der ihm zuhört. Und die Regisseurin lässt sich jedes Mal aufs Neue darauf ein, will natürlich ihren Protagonisten nicht verlieren, scheint aber auch mütterliche Gefühle zu entwickeln und setzt sich schließlich dafür ein, dass Renés Geschichten einen Verlag finden.

Katka

Třeštíková hat eine Reihe von Dokumentarfilmen gedreht, die allesamt Langzeitbeobachtungen sind. Die Menschen darin sind keine bloßen Sujets für sie, sondern Leute, mit denen sie sich über Jahrzehnte intensiv auseinandersetzen muss. Ähnlich wie der Junge mit dem prägnanten „Fuck of [sic!] People“-Tattoo am Hals sind auch die Porträtierten in Marcela (2007) und Katka (2010) gefangen in einem ewigen Strudel aus Kriminalität, Drogen oder persönlichen Schicksalsschlägen. Man könnte sie als hoffnungslose Fälle bezeichnen, aber dafür sind die Filme zu nah an ihnen dran, an ihren persönlichen Geschichten, die parallel und teilweise auch völlig isoliert von den politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in Tschechien ablaufen.

Private Universe

Deutlich wird das jedes Mal, wenn Třeštíková die Lebenswelten mit Fernsehnachrichten flankiert, die mal die Vereidigungen verschiedener Politiker zeigen, den 11. September oder auch den unverwüstlichen Schlagersänger Karel Gott. Der kommt in dem ungleich optimistischeren Familienporträt Private Universe (Soukromý vesmír, 2012) immer wieder überraschend um die Ecke – mal als Unterstützer des sozialistischen Regimes, dann plötzlich als Kämpfer für den Fall des Eisernen Vorhangs – und trällert dabei eines seiner Glücksversprechen, das für viele Menschen in der postsozialistischen Gesellschaft höchstens ein kurzer Trost ist.

Das Berliner Arsenal zeigt bis zum 20. März eine Retrospektive mit Werken Třeštíkovás. Zu den Vorführungen am 2. und am 3. März wird die Regisseurin anwesend sein.

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