Udine 2012: Festivalnotizen (3) - Routine und Körperverletzung

Wie man einen guten Genrefilm definiert, hängt auch immer mit den Ansprüchen des Zuschauers zusammen. Will man das Bewährte nur ein weiteres Mal solide ausgeführt sehen, mit kleinsten Variationen in der Verpackung? Oder sind die Erwartungen doch höher und das Genre soll auch an seine Grenzen gebracht und damit Neues im Vertrauten geschaffen werden?

Songlap 1

Aus Malaysia gab es beispielsweise das Gangsterdrama Songlap zu sehen, in dem zwei elternlose Brüder neu geborene Babys an kinderlose Eltern verscherbeln. Der alltägliche Überlebenskampf in Kuala Lumpur lässt keine moralischen Skrupel zu. Der jüngere der beiden ist allerdings noch naiv, glaubt an das Gute und sträubt sich zumindest mit kleinen Gesten gegen seine schmutzige Arbeit. Auch zu seiner Mutter - einer Prostituierten, die nichts vom Verbleib ihrer Kinder weiß und auch nicht wissen will - sucht er hartnäckig Kontakt und bezahlt für persönliche Gespräche.

Songlap 2

Songlap zeigt eine deprimierende Welt: Drogensucht, Prostitution, Gewalt, dysfunktionale Familien, der Film zieht alle Register in der Darstellung sozialer Miseren. Dabei entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass er gerade auf einem Festival zu sehen ist, dass sich mit seinem Trailer von der Armutspornografie sozialkritischer Autorenfilme entschieden abgrenzt. Der Unterschied liegt wohl darin, dass Songlap trotz seiner deprimierenden Themen auch Spaß machen soll. Inspiriert von der Hip-Hop-Kultur und amerikanischen Gangsterfilmen verbinden die Regisseure Fariza Azlina und Effendee Sozialdrama und dynamisches Genrekino. Statt die gesellschaftlichen Missstände ihres Heimatlandes zu beweisen, werden sie als Gegebenheit hingenommen und in schicke Bilder gegossen.

Songlap ist ein Film, dem man eigentlich nicht viel vorwerfen kann, außer vielleicht, dass er sich zu sehr auf ausgetretenen Pfaden aufhält. Handwerklich ist der Film fast tadellos und doch vermisst man die spannenden Abweichungen von der Form. Vielmehr erinnert der Film mit seiner landesspezifischen Adaption von amerikanischem Gangsterkino und seinem glatten Look stark an verwandte Filme aus Lateinamerika.

The 33D Invader 1

In Hongkong versucht man dagegen im Fahrwasser von 3-D Sex and Zen: Extreme Ecstasy Sexkomödien zu drehen, die merkwürdig vertraut wirken. In den 1970er Jahren waren Sexklamotten in Deutschland und Österreich eine beliebte Form der leichten Unterhaltung. Nackte Haut, slapstickartig simulierte Liebesakte und Kalauer aus der untersten Schublade waren das Erfolgsrezept dieser Filme. So blöd das alles war, mit leicht masochistischen Neigungen konnte man dabei auch streckenweise seinen Spaß haben. The 33D Invader (Mi Tao Cheng Shu Shi 33D) scheint dieses Genre nun neu auferstehen zu lassen, als eine Mischung aus explizitem American Pie-Verschnitt und Science-Fiction. Weil im Jahr 2046 fast die gesamte Menschheit unfruchtbar ist, wird ein Mädchen mit dem Namen Zukunft von den Vereinten Nationen in die Gegenwart geschickt, um sich zu paaren. Ihre Suche beginnt die junge Frau mit den besonderen Fähigkeiten an einer Uni zur Balzzeit.

The 33D Invader 2

Wie Regisseur Cash Chin aufgedonnerte Science-Fiction-Animationen und schlüpfrige Witze kombiniert, ist gerade mal die ersten zehn Minuten amüsant. Dann beginnt es, weh zu tun. Die meiste Zeit grimassieren und winden sich drei Loser mit körperlichen Defiziten hinter einer Tussi-Clique mit gemachten Brüsten hinterher. Der schöne Streber darf dagegen auch ästhetischen Sex zu penetrant erotisierender Saxophonmusik haben. Der ganze Film ist ein Frontalangriff auf die Sinne. Aufdringliche Großaufnahmen, quiekende Darsteller und ein lärmender Soundtrack sorgen dafür, dass The 33D Invader zur regelrechten Körperverletzung gerät. Während andere asiatische Länder wie Japan oder die Philippinen über ein erotisches Kino verfügen, das immer wieder auch wirklich tolle Beiträge hervor gebracht hat, sollte man in Hongkong möglichst schnell den Kurs ändern. Mehr Filme von dieser Sorte braucht die Welt nun wirklich nicht.

Kommentare zu „Udine 2012: Festivalnotizen (3) - Routine und Körperverletzung“

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.