Udine 2012: Festivalnotizen (1) - Antiprekariatskino und Kickboxer

Sperriges Autorenkino ist in Udine beim Far East Film Festival fehl am Platz. Das hat wohl weniger etwas mit einer grundsätzlich ablehnenden Haltung zu tun, als mit der Absicht, asiatisches Kino im Westen möglichst vielfältig zu repräsentieren. Denn während künstlerisch anspruchsvolle Filme oft auf Festivals zu sehen sind, ist es gerade das populäre Kino Asiens, das nur selten bei uns ankommt. Bollywood, das in Udine ohnehin nicht berücksichtigt wird, einmal ausgenommen.

The Woman in the Septic Tank

Der diesjährige Festivaltrailer vom philippinischen Regisseur Quark Henares macht daraus eine Kampfansage. Statt deprimierenden Geschichten über prekäre Familien, soll man doch lieber Komödien, Action- oder Erotikfilme anschauen. Wie die von Landsmann Marlon Rivera inszenierte Satire The Woman in the Septic Tank (Ang babae sa septic tank) hat auch Henares ein ganz konkretes Feindbild: So genannte Armutspornografie, deren bekanntester Vertreter Brillante Mendoza zum Stammgast westlicher Festivals geworden ist. Riveras Film ist durchaus treffend und auch lustig anzusehen und doch fragt man sich, ob das sozialkritische Kino in den Philippinen wirklich so dominant ist, dass man es als Bedrohung wahrnehmen muss. Schließlich sind Armut und Prostitution hier seit langem weit verbreitete Probleme. Warum sollte man also keine Filme darüber machen dürfen?

Bunohan

Es ist eben alles eine Frage des Ausgleichs. Doch gerade, weil man sich in Udine auf Blockbuster spezialisiert hat, ist es erstaunlich, dass man gleich am ersten Tag einen Film zu sehen bekommt, der sich den Zuschreibungen des Genrekinos weitgehend entzieht. Der malaysische Beitrag Bunohan: Return to Murder (Bunohan) von Dain Said beginnt zwar im Boxring, interessiert sich im Folgenden aber kaum für Kampfszenen. Welche Absichten die Figuren haben und in welchem Verhältnis sie überhaupt zueinander stehen, das lässt der Film lange im Unklaren. Von Anfang an zeichnet sich jedoch eine Opposition zwischen Tradition und Moderne, zwischen Stadt und Provinz, ab, die sich am Beispiel dreier sehr unterschiedlicher Brüder manifestiert. Arena dieses Kampfes ist ein Stück Land des Vaters, auf dem einer der Brüder eine große Wohnanlage bauen möchte.

Bunohan 2

Der Name des Dorfes – Bunohan heißt übersetzt Mord – lässt schon ahnen, wie das alles endet. Der zunächst etablierte Genreplot vom in Ungnade gefallenen Kickboxer tritt dabei aber zunehmend in den Hintergrund. Stattdessen dringen die Geister der Vergangenheit in die Welt des Diesseits vor. Der Mörder Ilham gräbt wie ein moderner Sisyphos die Gräber seiner Ahnen um und unterhält sich mit einem Vogel, während sein Vater sich der Kunst des Schattentheaters widmet. Was zunächst ein dreckiges Stück Actionkino zu sein schien, erweist sich als ebenso archaische wie spirituelle Familientragödie.

Nightfall 01

Klassischer geht es dagegen in dem Hongkong-Thriller Nightfall zu, der seine Konflikte ebenfalls aus innerfamiliären Spannungen speist. Roy Chows zweiter Spielfilm beginnt mit einem Kampf in der Gefängnisdusche und gibt sich in einer ausgesprochen brutalen Choreographie ganz der Ästhetisierung von Gewalt hin. In gelbes Licht getaucht und umgeben von dekorativen Wasserspielen schlagen sich halbnackte Männer unermüdlich in die Fresse. Immer wieder nimmt Chow dabei die Geschwindigkeit der Szenen raus um sich in Zeitlupe den Schlägen auf den menschlichen Körper zu widmen. Diese Künstlichkeit in der Inszenierung findet sich noch in mehreren Szenen von Nightfall. Bei einem eingefrorenen Todessprung von einem Hochhaus etwa, oder einem Zweikampf in der Gondel einer Seilbahn. Bei Letzterem ist man sich nicht ganz sicher, ob die Künstlichkeit intendiert ist oder einfach mit schlechtem CGI zusammenhängt.

Nightfall 2

Die Handlung dreht sich um einen Detektiv mit Hang zu ungelösten Fällen und einem frisch entlassenen Mörder, der in Verbindung mit einer elitären Musikerfamilie steht. Hier kommt dann auch die Musik von Chopin ins Spiel, die dem Film, begleitet von poetischen Nachtaufnahmen, eine düstere Romantik verleiht. Wie schon bei Dante Lam beobachtet (The Viral Factor), teilen auch hier Ermittler und Gesuchter das gleiche Schicksal: Der Tod der Ehefrau, das gespannte Verhältnis zur Tochter und der bedingungslose Eifer für die eigene Mission. Die Ermittlungsarbeit inszeniert Chow elegant als klassisches, aber dichtes Katz-und-Maus-Spiel. Abgeschlossen wird Nightfall dann von einer Auflösung, bei der wieder ein melodramatisches Feuerwerk gezündet wird, wie man es im Genrekino Hongkongs oft zu sehen bekommt.

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