The Real Eighties

Eine Retrospektive im Wiener Filmmuseum versucht sich an einer alternativen Geschichtsschreibung. Gegenstand ist das Hollywoodkino der 1980er Jahre.  

Thief

Oft lernt man die Vergangenheit erst mit ein wenig Distanz zu schätzen. Die 1980er Jahre gelten in weiten Kreisen der Bevölkerung bis heute als Jahrzehnt der Geschmacksverirrungen. Vielleicht erinnern sich die Menschen auch einfach an die falschen Dinge: An modische Extravaganzen wie Vokuhila und Schulterpolster statt an gegenkulturelle Phänomene wie Post-Punk und das Cinema of Transgression. Nun handelt es sich bei den genannten Beispielen allerdings auch um Subkulturen, die es, retrospektiv betrachtet, immer leichter haben, angenommen zu werden, weil sie ja schon damals dagegen waren. Schwerer hat es allerdings das Populäre.

Knightriders

Die Kuratorengruppe The Canine Condition hat nun für das Wiener Filmmuseum eine Retrospektive zusammen gestellt, die nach starken Filmen im amerikanischen Hollywoodkino der 80er Jahre sucht. Vom 8. Mai bis zum 23. Juni sind 47 Spielfilme zu sehen, die zwar auf den ersten Blick dem Mainstream entstammen, aber dann doch auch wieder nicht. Denn obwohl reichlich bekannte Namen wie Michael Mann (Thief), Walter Hill (Southern Comfort), Ridley Scott (Someone to Watch Over Me), Francis Ford Coppola (The Outsiders), Martin Scorsese (The King of Comedy) und George A. Romero (Knightriders) auf dem Programm stehen, sind die gezeigten Filme doch alles andere als Hauptwerke.

Mike s Murder

Überhaupt beeindruckt gerade der Versuch von The Real Eighties, eine alternative Geschichte des Hollywoodkinos der 1980er Jahre zu schreiben. Zwar haben es auch einige „Klassiker“ wie Escape from New York, Gloria oder The Terminator in die Auswahl geschafft, überwiegend werden aber Filme jenseits des Kanons präsentiert. So ist nicht nur ein vergessenes Meisterwerk wie James Bridges’ Mike’s Murder zu sehen, sondern auch zahlreiche Werke bekannter Regisseure, die gerne als weniger gelungen abgetan werden. Ein Beispiel dafür ist etwa John Carpenters Christine, der sehr viel mehr ist, als die mittelmäßige Stephen-King-Verfilmung, als die er oft bezeichnet wird.

Christine

Christine hat vieles, was an den 80er Jahren so leidenschaftlich abgelehnt wird: Synthie-Musik, glatte Oberflächen und deutliche Spuren des damals herrschenden 60er-Jahre-Revivals. Gleichzeitig steht der Film aber auch exemplarisch für eine Retrospektive, die aufzeigen möchte, wie während einer Dekade der Künstlichkeit auf die Wirklichkeit Bezug genommen wurde. Christine ist nämlich nicht nur ein fantastischer Horrorfilm, sondern erzählt auch die Geschichte eines in der Schule gemobbten Außenseiters, der sich mit einer dämonischen Maschine verbündet, um sich an seiner Umwelt zu rächen. Und ganz nebenbei, wer bei Carpenters perfektioniertem Genreminimalismus ernsthaft behaupten möchte, die 80er wären ästhetisch ein Schuss in den Ofen gewesen, sollte sich zur Strafe mal ein paar Filme aus den 90ern ansehen. 

Das gesamte Programm gibt es hier.

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