Rudimente eines unbekannten Werks

Der Regisseur Ola Balogun ist ein früher und einflussreicher Vertreter des nigerianischen Kinos. Außerhalb seiner Heimat kennt ihn jedoch kaum jemand. Eine Retrospektive im Berliner Arsenal soll das ändern.

Ola Balogun am Set von Cry Freedom-001

Eine Gruppe afrikanischer Migranten sitzt in einer muffigen Pariser Wohnung. Alpha, der angesehene, aber auch skeptisch beäugte Anführer, lehrt dort seine Philosophie. Namen lehnt er ab, weil sie der Natur der Dinge nicht gerecht werden. Ein Vogel etwa, der in Camouflage-Farben ein Poster an der Wand ziert, ist für ihn sehr viel mehr, als die Bezeichnung vermuten lässt: nicht nur eine vom Menschen aufgezwungene Klassifizierung, sondern vor allem „form, shape, color and movement“. Diese Worte wiederholt der spirituelle Slacker immer wieder während seiner Monologe. Und obwohl man dabei ein wenig ratlos zurückbleibt, weil das alles viel zu abstrakt ist, um wirklich Sinn zu ergeben, wirken die brotlosen Künstler in Alpha (1973) mit ihrem Faible für progressive Ideen und (afrikanisch gefilterten) Jazz nicht so viel anders als die Protagonisten der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung. In dem Kontext bietet sich auch ein Interpretationsansatz für Alphas Ideologie an. Es ist nur ein kleiner Schritt vom Menschen, der sich den Vogel untertan macht, indem er ihn kategorisiert, zur weißen Kolonialmacht, die der schwarzen Bevölkerung ihre Kultur aufzwängt.

A Deus Negra-001

Doch der nigerianische Regisseur Ola Balogun, der zu dieser Zeit in der französischen Hauptstadt studierte, zeigt sich in seinem ersten Langfilm wenig daran interessiert, der Philosophie seines Protagonisten Kontur zu verleihen. Es ist immer wieder von einer bevorstehenden Revolution die Rede, aber gegen wen da eigentlich rebelliert wird, bleibt unklar. Und dann werden zwar ständig afrikanische Gottheiten aufgezählt, aber so richtig religiös wirkt die Gruppe auch wieder nicht. Statt all das näher zu erforschen, wirft sich Balogun lieber auf die Straße, in Parks und Clubs, wo er die Menschen beobachtet und zeigt, wie sie sich im Getümmel der Stadt oder in den hypnotischen Beats der Musik verlieren. Statt etwas zu erklären, konzentrieren sich diese im besten Sinne ziellosen Szenen vor allem auf „form, shape, color and movement“.

Cry Freedom-001

Ein „typischer“ Balogun-Film ist Alpha insofern nicht, als das Werk dieses Pioniers des nigerianischen Kinos viel zu heterogen ist, um sich typologisieren zu lassen. Dennoch finden sich hier schon zahlreiche Motive und Stilmittel späterer Arbeiten: die auf Improvisation beruhende Arbeit mit Theaterschauspielern etwa, wie sie in Ajani-Ogun (1976) zu sehen ist, die Aufarbeitung der Kolonialzeit in Black Goddess (A Deusa Negra, 1978), die Würdigung der von der westlichen Welt lange kleingeredeten afrikanischen Kultur als Hochkultur in The Magic of Nigeria (1994) oder die magische Wirkung von Musik und Tanz, die in der Dokumentation Gods of Africa in Brazil (1998) sogar Seelenwanderungen ermöglicht. Vom 13. bis zum 19. Januar zeigt das Berliner Arsenal eine überwiegend analog bestrittene Retrospektive, die 2015 schon im Filmkollektiv Frankfurt zu sehen war. Etwa die Hälfte von Baloguns Werk ist hier zu sehen und damit alles, was von dem außerhalb seiner Heimat kaum bekannten Regisseur erhalten ist. Es ist anzunehmen, dass man lange keine Gelegenheit mehr haben wird, die Filme auf der großen Leinwand oder auch sonst wo zu entdecken.

Zum Text über die Frankfurter Ola-Balogun-Reihe geht es hier

Das vollständige Programm der Reihe gibt es hier

 

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