Robert Bresson Retrospektive

Wirklicher als die Wirklichkeit. Das Arsenal zeigt vom 11. April zum 7. Mai alle Langfilme von Robert Bresson und noch einiges mehr. 

Le femme douce

Eine Frau (Dominique Sanda) stürzt sich von ihrem Balkon in die Tiefe. Sie selbst sehen wir dabei nicht, nur die leblosen Gegenstände, die von ihrer Verzweiflungstat in Bewegung gebracht wurden. Ein wippender Schaukelstuhl; ein Tisch, der umstürzt; eine Vase, die zerbricht; ein weißer Schal, der langsam durch die Luft schwebt. In der Eröffnungsszene von Robert Bressons erstem Farbfilm Die Sanfte (Une femme douce, 1969) sind Bilder zu sehen, die nicht das eigentliche Ereignis zeigen, sondern seine Folgen. Nicht für die Menschen, die der namenlosen und von einer rätselhaften Traurigkeit umgebenden jungen Frau nahestanden, sondern für die Dinge. Wenn diese Szene das Erste ist, was man von diesem einflussreichen und radikalen französischen Filmemacher sieht, dann erfährt man durch sie schon viel über die spröde Natur seines Kinos. Über den Einsatz von Ellipsen, die unheimlich klare und präzise Montage und die Weigerung, dem Zuschauer einen rein emotionalen Zugang auf das Gesehene zu ermöglichen.

Pickpocket

Bressons Filme kann man durchaus schwierig finden, gerade weil sie manchmal so trocken, leblos und prätentios daherkommen. Es lohnt sich aber, sich auf diese zwar fordernde, aber auch sehr einzigartige filmische Sprache einzulassen. Die Kombination aus stark stilisierter Ästhetik und einem Bewusstsein für gesellschaftliche Missstände hat viele nachfolgende Regisseure beeinflusst. Einer von ihnen ist der Kasache Darezhan Omirbayev, der mit seinem französischen Kollegen nicht nur das Statische und bewusst Ausdrucksarme teilt, sondern auch die Bewunderung für Fjodor Dostojewski. Gleich mehrmals hat Bresson Geschichten des russischen Schriftstellers auf die Leinwand gebracht, wenn auch, wie in seinem wohl bekanntesten Film Pickpocket (1959), meist auf sehr freie Weise. Inspiriert von Schuld und Sühne erzählt er darin von einem Taschendieb, der seine Profession für ein gesellschaftliches Privileg hält und sich, blind gegenüber dem Leid seiner sterbenden Mutter und ihrer schönen, liebenswürdigen Nachbarin, auf einen persönlichen Kreuzweg begibt. Am Ende inszeniert der Jansenist Bresson eine magische Erlösungsszene, die Paul Schrader später in Ein Mann für gewisse Stunden (American Gigolo, 1980) zitieren sollte.

Der Prozess der Jeanne D Arc

Wenn man Bressons Kino mit einem Wort benennen müsste, würde man schnell auf den Begriff der Reduktion kommen. Bresson erzählt von Leidenden, von gesellschaftlichen Außenseitern, die meist an den Umständen einer grausamen Welt zugrunde gehen. Dabei können sie entweder gar keinen Namen tragen oder einen so prominenten wie Jeanne D’Arc. Eigentlich wären diese Einzelkämpfer die perfekten Helden eines Melodrams. Doch Bresson entscheidet sich für einen ganz anderen Weg. Er befreit seine Filme von jeglichem Ballast. Er lässt die Rollen von Laiendarstellern spielen, die zusammengestutze Sätze mit einem Minimum an Ausdruck wiedergeben. Und wenn es emotional wird, schneidet er auf Hände, Füße, Einrichtungsgegenstände oder auf ein Gesicht, das sich dem Zuschauer nie wirklich öffnen will. Dadurch werden Geschichten freigelegt, befreit von allem, was den Blick auf sie verstellt. Bresson legt großen Wert auf Authentizität, treibt seinen Filmen die Versuchungen des Illusionismus aus und landet schließlich doch nicht bei einem lebensnahen Realismus. Seine Filme kann man als ausgesprochen künstlich wahrnehmen oder als wirklicher als die Wirklichkeit.

Das Berliner Arsenal zeigt bis zum 7. Mai alle von Bressons Langfilmen und auch einige ergänzende Dokumentationen wie Robert Bressons Film „Das Geld“ (1983), an dem unter anderem Harun Farocki und Hartmut Bitomsky mitgewirkt haben. Es ist eine schöne Gelegenheit, sich die Werke zum ersten oder wiederholten Mal anzusehen, auch, weil nur einer der Filme digital gezeigt wird. Die Retrospektive eröffnet heute abend mit Die Sanfte. Vor dem Film gibt es eine Einführung von der Regisseurin Angela Schanelec (Orly).

Das gesamte Programm gibt es hier

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