Retrospektive Howard Hawks

Ein halbes Jahrhundert amerikanische Filmgeschichte. Im Dezember und Januar zeigt das Berliner Arsenal Filme von Howard Hawks.

The Big Sleep

Fast jeder hat wohl schon irgendwann einen Film von Howard Hawks gesehen, dem großen amerikanischen Regisseur – wenn es nach Godard geht, sogar größten Künstlers Amerikas: Scarface (1932), Leoparden küßt man nicht (Bringing Up Baby, 1938), Haben und Nichthaben (To Have and Have Not, 1944), Tote schlafen fest (The Big Sleep, 1946), Blondinen bevorzugt (Gentlemen Prefer Blondes, 1953), Rio Bravo (1959); und die Liste der als Klassiker geltenden Filme ließe sich durchaus noch fortsetzen. Im Berliner Arsenal hat man ab dem 14. Dezember nun die Gelegenheit, Bildungslücken zu schließen und bereits bekannte Werke noch einmal als 35mm-Kopie zu sehen.

Rio Bravo

Etwa die Hälfte von Hawks’ Werk steht auf dem Programm, von der Stummfilmzeit bis in die 1960er Jahre. Dabei lässt sich gut beobachten, mit welch verblüffender Flexibilität er sich unterschiedlichster Genres angenommen hat. Screwball-Komödien beherrscht er ebenso wie Western, Kriegsfilme ebenso wie den Film noir. Dabei hat Hawks keinen Stil, der sich dem Zuschauer aufdrängt. Vielmehr eine Vorliebe für sarkastischen Humor, leidenschaftlich ausgetragene Geschlechterkämpfe und romantische Männerbündnisse.

Only Angels Have Wings

Oft hat Hawks Filme inszeniert, die man gemeinhin als Männerfilme bezeichnet. Filme also, die nicht nur von Männern erzählen, sondern die Herren der Schöpfung auch so zeigen, wie sie sich gerne sehen. Ein Beispiel dafür ist S.O.S. Feuer an Bord (Only Angels Have Wings, 1939), der bekannteste von mehreren Filmen über das Fliegen. In einer fiktiven südamerikanischen Küstenstadt fliegen furchtlose Piloten die Post aus, machen sich keine Gedanken über Vergangenheit oder Zukunft und leben nur für den vergänglichen Augenblick. Für Weiberkram wie Liebe bleibt in diesem testosterongeschwängerten Exil natürlich keine Zeit. Doch so einfach macht Hawks es sich dann doch nicht: S.O.S. Feuer an Bord ist mehr als nur ein spektakulärer Abenteuerfilm mit tollen Flugszenen. Er wimmelt auch nur so von lebensnahen, differenzierenden Feinheiten. Letztlich ist der überheblich umhergockelnde Cary Grant auch nur so, weil ihm eine Frau einst das Herz gebrochen hat.

The Road to Glory

Auch in anderen Filmen wird das Heroische der Helden gebrochen. In einem Kriegsfilm wie The Road to Glory (1936) steht nicht der Mut einer Einheit französischer Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg im Vordergrund, sondern die nackte Angst im Schützengraben. Und selbst Humphrey Bogart hat zwar in Tote schlafen fest eine rätselhaft einnehmende Wirkung auf Frauen, wird aber von ihnen gleichzeitig wegen seiner geringen Körpergröße aufgezogen. Überhaupt müssen sich Damen bei Hawks nicht verstecken – ob sie nun, wie in S.O.S. Feuer an Bord, ihre Würde innerhalb einer undankbaren Rolle bewahren oder wie in den Screwball-Komödien ihrem losen Mundwerk freien Lauf lassen können.

His Girl Friday

Davon kann man sich etwa in Sein Mädchen für besondere Fälle (His Girl Friday, 1940) überzeugen, mit dem die Retrospektive am Samstag eröffnet. In einem Haifischbecken aus gierigen Journalisten und korrupten Politikern liefern sich Cary Grant und Rosalind Russell ein schwindelerregend rasantes Wortgefecht nach dem anderen. Mit einer platten Romantic Comedy, die ihren Witz lediglich aus den unüberbrückbaren Differenzen zwischen Männern und Frauen schöpft, hat das wenig zu tun. Vielmehr lauert hinter der vermeintlichen Harmlosigkeit die Subversion. Hawks liefert eine präzise orchestrierte Ansammlung an moralischen Ambivalenzen und sexuellen Anspielungen, mit denen es ihm immer noch gelang, den damaligen Hays Code zur Bewahrung der Sittlichkeit zu umschiffen. Wie sagt der charmant durchtriebene Grant beim Anblick der Gummistiefel seines Konkurrenten so schön: „Oh and I see you’ve got your rubbers too, always good to be prepared for anything.“

Zum Programm geht es hier

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