Religiöser Wahn - Pinoy Cinema (4)

Das katholische Erbe der spanischen Kolonialzeit lastet bis zum heutigen Tag auf den Philippinen. Ishmael Bernal und Elwood Perez zeigen, wie schnell Glaube in Wahn umschlagen kann. 

Pinoy Cinema 4 Himala

Wer sich mit dem philippinischen Kino der 1970er und 80er Jahre beschäftigt, stößt immer wieder auf den Namen Ricardo Lee. Bis heute ist Lee als Drehbuchautor tätig und zeichnet laut IMDb für die Geschichten von stolzen 151 Filmen verantwortlich. Für einige der bekanntesten Regisseure des Zweiten Goldenen Zeitalters wie Lino Brocka, Marilou Diaz-Abaya und Ishamel Bernal hat er als Stammautor gearbeitet. In seinem Drehbuch für Bernals Himala (1982) erzählt Lee von einem Dorf, in dem einer jungen Frau angeblich die heilige Maria erschienen ist – woraufhin der Ort innerhalb kürzester Zeit zur Pilgerstätte und die Frau zur Heiligen wird. Der Katholizismus ist in den Philippinen ein Erbe der spanischen Kolonialzeit. Bis heute machen sich die Spuren der Christianisierung bemerkbar. So gibt es beispielsweise kein gültiges Scheidungsrecht, und auch Abtreibungen sind offiziell verboten. Lee macht keinen Hehl daraus, dass er der Religion kritisch gegenübersteht. Der ewige Drang zum Glauben wirkt in Himala wie ein Fluch, der nicht gebannt werden kann.

Drei Jahre später hat Lee ein Drehbuch verfasst, das ebenfalls von religiösem Wahn in der Provinz erzählt und wie eine radikale Neuinterpretation des Himala-Stoffs wirkt. In Elwood Perez’ Silip (1985) steht erneut eine junge Frau im Zentrum, die sich jedoch nur selbst als Heilige sieht und schon bald als Sünderin vom Dorfpöbel gejagt wird. Die Ablehnung des Films gegenüber einer Religion, die von den Menschen nur als Vorwand genommen wird, um eigene Ziele zu verfolgen, ist hier noch unverblümter als bei Bernal. Die Figuren werden letztlich durch ihre eigene Verlogenheit in ein Chaos aus Sex und Gewalt gezogen. Bei seiner Veröffentlichung wurde Silip als Sexploitation-Film vermarktet. Auch wenn er für dieses Label eigentlich viel zu eigensinnig und ambitioniert ist, zeigt er neben seinem antiklerikalen Grundtenor doch sehr anschaulich, wie ungewohnt explizit das erotische Kino in den letzten Jahren der Marcos-Diktatur sein konnte.

Zu den Texten

Himala

Silip

 

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