Oscars 2017: Parade der sicheren Nummern

Kalkuliert, forciert, normiert: Gleich mehrere Filme, die heute Nacht den Oscar für den besten Film gewinnen könnten, haben eine eher biedere Vorstellung vom Kino. Hier haben wir eine kommentierte Liste mit allen Nominierten zusammengetragen - inklusive Links zu allen Verrissen und Würdigungen. [Update: Jetzt auch mit allen Gewinnern]


Bester Film:

La La Land von Damien Chazelle

La La Land

La La Land will ganz eindeutig der „real jazz“ sein, will den Zauber und die Improvisation, will die pure künstlerische Freiheit. Deshalb muss er auch ständig Platzhalter für jenes Reich der Zwänge produzieren, aus dem er sich dann heroisch befreien kann. [..] Es klingt schon früh schief, was vielleicht nur schief klingen kann: eine indie-smarte Variation auf die Überwältigungsstrategien des guten alten Musicals.“ (Till Kadritzke) Zur Kritik

Manchester By the Sea von Kenneth Lonergan

Manchester by the Sea

„Selbst in den krassesten Momenten vertraut Manchester by the Sea seine Intensitäten nicht Casey Afflecks Körper an, sondern eher dem Sound Design. Das Quietschen der Stühle im Verhörraum der örtlichen Polizei ist dann doppelt so laut wie Lees Versuche, etwas hervorzubringen. Und so macht sich Manchester by the Sea in einem wunderbar konzentrierten Rhythmus daran, behutsam die Schichten freizulegen, aus denen seine Hauptfigur besteht. Man könnte auch sagen: die Scheiße wieder fließen zu lassen, die Lee verstopft.“ (Till Kadritzke) Zur Kritik

Moonlight von Barry Jenkins (Oscar)

Moonlight

„Muss der Schwule sich schwul zeigen? Die Gestalt von Moonlight legt eine Normierung des Schwulen nahe: Nicht spielen darf er mit seiner Identität, sondern zu offenbaren hat er sie, will er kathartisch erlöst werden, will er zu sich finden. Angesichts all der symbolischen Eindeutigkeit des Films lässt mich das ziemlich ratlos zurück.“ (Frédéric Jaeger) Zur Kritik

Arrival von Denis Villeneuve

Arrival

„Villeneuve ist leider stärker an Konflikt als an Verständigung interessiert. In einer arg forcierten Wehklage auf die zerstrittene internationale Staatengemeinschaft steht der Dritte Weltkrieg ständig vor der Tür. [..] Und so wird Luise Banks Ringen um Verstehen der Alien-Denke etwas hyperbolisch zu einem Kampf um den Weltfrieden hochgepusht.[..] Arrival ist ein luftdicht verpacktes Raum-Zeit-Gefühl-Rätsel. Wie bei seinen letzten Filmen weiß man nicht genau, ob man Villeneuve selbstbewusstes Erzählen bewundernswert oder diktatorisch finden soll. Durch starke, manchmal grobe Gesten erinnert er seine Zuschauer ständig daran, wer hier das Kommando hat.“ (Nino Klingler) Zur Kritik

Fences von Denzel Washington

Fences

„Washington und Davis haben schon für ihre Darstellung in der jüngsten Broadwayfassung des Stückes Preise gewonnen, und so fühlt sich Fences, so stark gespielt und so wirkungsvoll in filmische Bilder gegossen er auch größtenteils ist, doch allzu sehr wie eine sichere Nummer an. Wie reich das Material ist, wie überzeugend hier Mikro-Geschichte geschrieben wird, das bemerkt man eher retrospektiv [..]. Das hat vielleicht damit zu tun, dass Washington sehr nah an Wilsons Original geblieben ist. So bleibt dieses Original zwar den Film hindurch am Leben, wird aber auch in einen Modus überführt, der nicht richtig Theater sein kann und nicht richtig Kino sein will.“ (Till Kadritzke) Zur Kritik

Hacksaw Ridge von Mel Gibson

Hacksaw Ridge 1 01

„Innerhalb der kruden Theologie, die in Hacksaw Ridge zum Ausdruck kommt, spielen die tatsächlichen Inhalte der göttlichen Gebote keine Rolle, wichtig ist nur die Tatsache, dass sie göttlich und somit zu befolgen sind. Der Glaube wird hier selbst zur Devotionalie, zu einem Artefakt, das zu keinem anderen Verhalten Anlass gibt als jenem, die Augen davor zu senken – zu einer Taschenbibel, die nicht zum Lesen, sondern nur zum Ans-Herz-Drücken da ist. Eine derartig reflexhafte Andächtigkeit in die eine Richtung zieht auch stets eine ebenso reflexhafte Geringschätzung in die andere nach sich.“ (Philipp Schwarz) Zur Kritik

Hell or High Water von David Mackenzie

Hell Or High Water 1

„In Hollywood wird die „Working Class“ gerne zweckdienlich dahin verfrachtet, wo sie als Milieu-Stereotyp komischer oder tragischer Art aushelfen kann. Doch David Mackenzie benutzt seine Protagonisten nicht als Platzhalter. Vielmehr blickt der Film emphatisch auf die Howards und ihre Verfolger, die er als Spiegelbild auf der anderen Seite des Gesetzes inszeniert. [..] Jeff Bridges spielt Marcus Hamilton, einen ergrauten Ranger kurz vor dem Ruhestand. Gut gelaunt brabbelt er durch seine vorgeschobene Unterlippe, wie es eben nur Jeff Bridges kann. Auch er ist ein Auslaufmodell, Archetyp des alten texanischen Gesetzeshüters, dessen Methoden ebenso aus der Zeit gefallen scheinen wie der rassistische Humor, mit dem er seinem indianischen Deputy Alberto zusetzt.“ (Karsten Munt) Zur Kritik

Lion von Garth Davis

Lion 1 01

„Ein Indien, wie es in einem Film auszusehen hat und wie es jedem merkwürdigerweise vertraut ist, der nie dort gewesen ist. [..] Wenn Lion von Adoption erzählt, liegt sein eigentliches Interesse in dem herbeigesehnten Affekt. Und man ist verleitet mitzumachen, an den richtigen Stellen mitgerührt zu sein, während der Film seinem zugesicherten Ziel ohne jede Ablenkung entgegenkommt. Während er seinen Klavier-Violinen-Soundtrack aus Australien nach Indien holt und während er die Authentizität des Dargelegten in den dokumentarischen Schlussbildern kundtut.“ (Olga Baruk) Zur Kritik

Hidden Figures von Theodore Melfi

Hidden Figures

„Zwischen dem Beginn der konkreten Arbeiten an dem Film, der Verpflichtung von Theodore Melfi als Regisseur und dem fertigen Film verging nur ein knappes Jahr. Schwer zu sagen, ob es diese Eile oder der mangelnde Wille Melfis ist, dem bisweilen doch arg staatstragenden Gestus formal etwas entgegenzusetzen – sehen wird man „Hidden Figures“ jedenfalls eher aus thematischem Interesse denn mit filmischem Genuss.“ (Fabian Tietke in der Taz) Zur Kritik

 

Beste Regie:

Damien Chazelle für La La Land (Oscar)
Kenneth Lonergan für Manchester By the Sea
Barry Jenkins für Moonlight
Denis Villeneuve für Arrival
Mel Gibson für Hacksaw Ridge

Beste Hauptdarstellerin

Isabelle Huppert in Elle
Ruth Negga in Loving
Nathalie Portman in Jackie
Emma Stone in La La Land (Oscar)
Meryl Streep in Florence Foster Jenkins

Bester Hauptdarsteller

Ryan Gosling in La La Land
Casey Affleck in Manchester By the Sea (Oscar)
Andrew Garfield in Hacksaw Ridge
Viggo Mortensen in Captain Fantastic
Denzel Washington in Fences

Beste Nebendarstellerin:

Viola Davis in Fences (Oscar)
Naomie Harris in Moonlight
Nicole Kidman in Lion
Octavia Spencer in Hidden Figures
Michelle Williams in Manchester By the Sea

Bester Nebendarsteller:

Dev Patel in Lion
Mahershala Ali in Moonlight (Oscar)
Jeff Bridges in Hell Or High Water
Lucas Hedges in Manchester By the Sea
Michael Shannon in Nocturnal Animals

Bester Fremdsprachiger Film

Toni Erdmann von Maren Ade
Unter dem Sand
von Martin Zandvliet
Ein Mann namens Ove
von Hannes Holm
Tanna
von Martin Butler und Bentley Dean
The Salesman
von Asghar Farhadi (Oscar)

Bestes adaptieres Drehbuch

Eric Heisserer für Arrival
August Wilson für Fences
Robert Schenkkan und Andrew Knight für Hacksaw Ridge
Theodore Melfi, Allison Schroeder für Hidden Figures
Luke Davies für Lion
Barry Jenkins für Moonlight (Oscar)

Bestes Originaldrehbuch

Damien Chazelle für La La Land
Giorgos Lanthimos und Efthymis Filippou für The Lobster
Kenneth Lonergan für Manchester By the Sea (Oscar)
Mike Mills für 20th Century Women
Taylor Sheridan für Hell Or High Water 

Bester Animationsfilm

Kubo – Der tapfere Samurai von Travis Knight
Vaiana
von Ron Clements und John Musker
Mein Leben als Zucchini
von Claude Barras
Die rote Schildkröte
von Michael Dudok de Wit
Zoomania
von Byron Howard, Rich Moore und Jared Bush (Oscar)

Bester Dokumentarfilm

Seefeuer von Gianfranco Rosi
I Am Not Your Negro
von Raoul Peck
Life, Animated
von Roger Ross Williams
OJ: Made in America
von Ezra Edelman und Caroline Waterlow ´
(Oscar)
13
th von Ava DuVernay

Bester dokumentarischer Kurzfilm

Extremis von Dan Krauss
4.1. Miles
von Daphne Matziaraki
Joe's Violin
von Kahane Cooperman und Raphaela Neihausen
Watani: My Homeland
von Marcel Mettelsiefen und Stephen Ellis
The White Helmets
von Orlando von Einsiedel and Joanna Natasegara (Oscar)

Bester Kurzfilm:

Ennemis Interieurs von Sélim Azzazi
La femme et le TGV
von Timo von Gunten und Giacun Caduff
Silent Nights
von Aske Bang und Kim Magnusson
Sing
von Kristof Deák und Anna Udvardy (Oscar)
Timecode
von Juanjo Giménez

Bester animierter Kurzfilm

Blind Vaysha von Theodore Ushev
Borrowed Time
von Andrew Coats und Lou Hamou-Lhadj
Pear, Cider and Cigarettes
von Robert Valley und Cara Speller
Pearl
von Patrick Osborne
Piper
von Alan Barillaro und Marc Sondheimer (Oscar)

Beste Filmmusik

Volker Bertelmann und Dustin O’Halloran für Lion
Nicholas Britell für Moonlight
Justin Hurwitz für La La Land (Oscar)
Mica Levi für Jackie
Thomas Newman für Passengers

Bester Song

"Audition (The Fools Who Dream)" von Justin Hurwitz, Pasek and Paul (La La Land)
"Can't Stop the Feeling!" von Justin Timberlake, Max Martin und Karl Johan Schuster (Trolls)
"City of Stars" von Justin Hurwitz, Pasek and Paul (La La Land) (Oscar)
"The Empty Chair" von J. Ralph und Sting (Jim: The James Foley Story)
"How Far I'll Go" von Lin-Manuel Miranda (Vaiana)

Bester Ton

Bernard Gariépy Strobl und Claude La Haye für Arrival
Andy Nelson, Ai-Ling Lee undnd Steve A. Morrow für La La Land
Kevin O'Connell, Andy Wright, Robert Mackenzie und Peter Grace für Hacksaw Ridge (Oscar)
Greg P. Russell, Gary Summers, Jeffrey J. Haboush und Mac Ruth für 13 Hours: The Secret Soldiers of Benghazi
David Parker, Christopher Scarabosio und Stuart Wilson für Rogue One: A Star Wars Story

Bester Tonschnitt

Sylvain Bellemare für Arrival (Oscar)
Wylie Stateman und Renée Tondelli für Deepwater Horizon
Ai-Ling Lee und Mildred Iatrou Morgan für La La Land
Alan Robert Murray and Bub Asman für Sully
Robert Mackenzie and Andy Wright für Hacksaw Ridge

Bestes Szenenbild

Patrice Vermette für Arrival
Stuart Craig für Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind
Jess Gonchor für Hail, Caesar!
David Wasco für La La Land (Oscar)
Guy Hendrix Dyas für Passengers

Beste Kamera

Greig Fraser für  Lion
James Laxton für Moonlight
Rodrigo Prieto für Lion
Linus Sandgren für La La Land (Oscar)
Bradford Young für Arrival

Bester Schnitt

Joe Walker für Arrival
John Gilbert für Hacksaw Ridge (Oscar)
Jake Robert für Hell Or High Water
Tom Cross für La La Land
Nat Sanders und Joi McMillon für Moonlight

Beste visuelle Effekte

Craig Hammack, Jason Snell, Jason Billington and Burt Dalton für Deepwater Horizon
Stephane Ceretti, Richard Bluff, Vincent Cirelli and Paul Corbould für Doctor Strange
Robert Legato, Adam Valdez, Andrew R. Jones and Dan Lemmon für The Jungle Book
(Oscar)
John Knoll, Mohen Leo, Hal Hickel and Neil Corbould für Rogue One: A Star Wars Story
Steve Emerson, Oliver Jones, Brian McLean and Brad Schiff für Kubo – Der tapfere Samurai

Beste Kostüme

Joanna Johnston für Allied
Consolata Boyle für Florence Foster Jenkins
Madeline Fontaine für Jackie
Mary Zophres für La La Land
Colleen Atwood für Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind (Oscar)

Bestes Make-up und Hairstyling

Eva von Bahr und Love Larson für Ein Mann namens Ove
Eva von Bahr und Love Larson für Star Trek Beyond
Alessandro Bertolazzi, Giorgio Gregorini und Christopher Nelson für Suicide Squad (Oscar)

Kommentare zu „Oscars 2017: Parade der sicheren Nummern“

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