Ohne Vorstellungsvermögen keine Bilder

Mit Filmen, Fotografien und Installationen entdeckt das libanesische Künstlerduo Hadjithomas/Joreige das Politische im Reich des Imaginären. Eine schöne Einzelausstellung im Münchner Haus der Kunst zeigt, wie schon das bloße Sehen zum schöpferischen Prozess wird.

Joana Hadjithomas and Khalil Joreige  Equivalences  1997  part of Archeology of our Gaze  Photographic print on Dibond  80 x 120 cm

Eigentlich sind es nur Bilder von zerschossenen Straßenlaternen, die an den Wänden im Münchner Haus der Kunst hängen. Aber das Künstlerduo Joana Hadjithomas und Khalil Joreige hat sie so fotografiert, als wären es die Gliedmaßen eines bedrohlichen Aliens. Wir sehen hier Zeugnisse des libanesischen Bürgerkriegs (1975–1990), aber eben auch, wie der Zufall in der urbanen Landschaft Beiruts jenseits eines menschlichen Gestaltungswillens seltsame Formen hinterlässt. In einem anderen Teil der Fotoserie Archaeology of Our Gaze (1997) sind es zerstörte Häuser, die im Mittelpunkt stehen; jedoch aus eigenartigen Blickwinkeln aufgenommen, die dem Betrachter jegliche Orientierung rauben, die Räumlichkeit auflösen und die Aufmerksamkeit vom Inhalt auf die Form lenken. Hadjithomas und Joreige widmen sich Objekten, die mit so viel Bedeutung aufgeladen sind, dass man sich ihnen eigentlich nur wie einem Nachrichtenbild nähern kann. Erst durch die Abstraktion gelingt es, einen anderen Blick auf die Wirklichkeit zu ermöglichen.

Joana Hadjithomas and Khalil Joreige  Latent Images  Third part of the project Wonder Beirut

In der schönen Einzelausstellung „Two Suns in a Sunset“ kann man immer wieder beobachten, wie das Beiläufige, Abwesende, Imaginäre und Zusammenfantasierte zur eigentlichen Attraktion wird. Hadjithomas und Joreige geben sich nicht mit dem Sichtbaren zufrieden. Sie verstehen Sehen vielmehr als einen schöpferischen Prozess. So haben sie für die Arbeit Latent Images (1997–2006) die Figur eines Fotografen erfunden, der während des Krieges zahlreiche Bilder geschossen hat, ohne sie jemals entwickeln zu lassen. In der Ausstellung sind nun lediglich die Filmrollen zu sehen – und daneben jeweils eine knappe Beschreibung, was auf den einzelnen Bildern zu sehen wäre. Der Betrachter ist dabei ein essenzieller Teil der Arbeit. Ohne sein Vorstellungsvermögen gibt es auch keine Bilder.

Joana Hadjithomas and Khalil Joreige  180 secondes of Lasting Images  2006  4500 photo prints   each 4 x 6 cm with velcro  268 x 408 cm

Das Verschwinden wird von Hadjithomas und Joreige nicht als Verlust begriffen, sondern als Freilegung von etwas Verborgenem. Etwa in einem alten Super-8-Film von Joreiges Onkel – der, wie viele seiner Landsleute, während des Krieges für immer verschwunden ist. Die Aufnahmen bestehen fast nur noch aus grellen, überbelichteten Bildern, durch die immer wieder kurz ein geisterhafter Schatten huscht. Durch den Alterungsprozess des Materials hat sich das tatsächliche Verschwinden des Onkels auch in die Bilder eingeschrieben. Das Video Always With You (2001–2008) dokumentiert eine andere Auflösung: ebenso phrasenhafte wie pathetische Wahlplakate, die mit der Zeit nicht nur vergilben und Wellen schlagen, sondern sich auch abblättern, übereinandergeklebt werden und ineinander übergehen. Was zuvor schon austauschbar war, wird schließlich zu einem bunten Papiergebilde, das es unmöglich macht, die verschiedenen Politiker, Positionen und Parteien noch auseinanderzuhalten.

Joana Hadjithomas and Khalil Joreige  Faces  detail   2009  42 photographic prints on aluminium.  Courtesy of the artists  c  Joan

Doch Hadjithomas und Joreige überlassen nicht alles dem Zufall. Tatsächlich sehen sie im Schöpferischen auch einen revolutionären Akt. Das zeigt zum Beispiel der Film Khiam (2007–2008), der die ehemaligen Insassen des gleichnamigen Internierungslagers zu Wort kommen lässt. In den Interviews geht es vor allem darum, wie den Gefangenen zwar alles genommen wurde, sie aber trotzdem versucht haben, aus den wenigen verbleibenden Alltagsgegenständen Schreibutensilien und künstlerische Objekte zu entwerfen. Von der Notwendigkeit der Kunst wird oft gesprochen, aber nur selten mit einer solchen Dringlichkeit. Der Kreativität freien Lauf zu lassen ist hier schon allein deshalb eine Notwendigkeit, weil es dabei ums nackte Überleben geht. Kunst ist hier schlichtweg eine Strategie, um in der Isolationshaft nicht den Verstand zu verlieren.

Die Austellung läuft noch bis zum 12. Februar im Münchner Haus der Kunst.

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