Marco Bellocchio: Retrospektive

Mit seinem neuesten, gerade erst vor ein paar Wochen in Venedig uraufgeführten Film Dormant Beauty (Bella addormentata) eröffnet das Berliner Arsenal eine umfassende Retrospektive der Filme von Marco Bellocchio.

Bella Addormentata 03

Sterbehilfe, ja oder nein? Bellocchio multipliziert diese scheinbar einfache Frage in seinem Themenstück, das heute Abend Premiere feiert. Er hat einen Reigen komponiert, der durch eine Fülle an Figuren und Ambivalenzen die Verquickung der persönlichen Moral, der religiösen Motive und politischen Positionen auf allen Ebenen sucht. Dormant Beauty ist ein schwerer, erdrückender Film, dessen lichte Momente den Eindruck nicht überdecken können, dass hier die Fragestellung erst die Konflikte bedingt. Es ist offensichtlich ein Konstrukt, dessen sich der Italiener bedient, vor Künstlichkeit und bemühter Emotionalität gleichzeitig berstend. Es ist ein möglicher, weil aktueller Einstieg in Bellochios Schaffen und zudem noch einer, der das politische Engagement ins Zentrum rückt, das sein Werk auch darüber hinaus prägt.

Mit der Faust in der Tasche Marco Bellocchio

Noch mehr aber sei allen ans Herz gelegt, seinen Erstling Mit der Faust in der Tasche (I pugni in tasca, 1965) am Samstagabend (06.10. in Anwesenheit des Regisseurs; Wiederholung am 09.10.) nicht zu verpassen. Der Film gilt inzwischen als Klassiker der Moderne – überraschend vor allem, wie eigenständig sich hier Bellocchio jenseits von Nouvelle Vague und dem ausgeklungenen Neorealismus positioniert. Im direkten Vergleich mit Dormant Beauty wirkt das Regiedebüt nicht nur zeitlos, sondern unheimlich lebendig. Um die Geschichte grob zu umreißen, könnte man vom Zerfall der bürgerlichen Familie sprechen und vom Wahnsinn, der in schicksalhaften Beziehungen lauert. Aber Mit der Faust in der Tasche ist geradezu das Gegenteil eines Thesenfilms, so sehr wird hier die überschüssige Energie der Figuren plastisch greifbar. Vielleicht genügt es aber auch zu sagen, dass der Film gleichermaßen filigran wie ausgeklügelt wirkt und das Gesicht von Lou Castel sich nachhaltig ins Gedächtnis einbrennt.

Vom 05. bis 31.10. bietet das Arsenal die seltene Gelegenheit, das Werk des Italieners in all seinen Facetten kennen zu lernen – und damit auch alles, was zwischen diesen beiden Filmen liegt. Bellocchio bleibt tatsächlich bis dato ein größtenteils blinder Fleck in Deutschland – trotz seiner Anerkennung und Bedeutung in Italien. Dessen Politik, Geschichte und Gegenwart hat er immer wieder reflektiert und um eigenwillige und oft genug erregende Perspektiven bereichert. Dafür sind die hier bekannteren Filme wie Vincere (2009) oder Buongiorno, notte – Der Fall Aldo Moro (2003) gute Beispiele.

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