Liebeskrank und heimatlos

Der indische Regisseur Ritwik Ghatak zählt zu den großen Unbekannten des Weltkinos. Das Berliner Arsenal widmet seinem zugleich persönlichen wie auch entschieden politischen Werk eine Retrospektive.

Komal Gandhar

Ansuya ist zerrissen zwischen zwei Männern. Während sie ihrem Freund vor mehreren Jahren die ewige Treue geschworen hat, widmet der sich seiner Karriere im fernen Frankreich, ohne sich auch nur einmal bei ihr blicken zu lassen. Umso empfänglicher ist sie für die Avancen des melancholischen Schauspielers Bhrigu, der ihr zwar geografisch und emotional näher ist, dem sie sich aber aus Pflichtgefühl nie ganz hingeben kann.

Komal Gandhar 2

Der bengalische Regisseur Ritwik Ghatak spitzt dieses Dilemma am Ende von A Soft Note on a Sharp Scale (Komal Gandhar, 1961) zu einem persönlichen Melodram zu, meint dabei aber noch viel mehr. Zwei verfeindete Theatergruppen müssen im Film aus pragmatischen Gründen miteinander auskommen und geraten dabei schnell an ihre Grenzen; was zum einen mit der schwierigen finanziellen Situation der Truppe zusammenhängt und zum anderen mit Ansuyas intriganter Tante, die die Zusammenarbeit immer wieder sabotiert. Und das sowohl im einen wie auch im anderen Erzählstrang dominierende Motiv von zwei Elementen, die zwar eigentlich zusammengehören, sich aber wegen unglücklicher äußerer Umstände nicht einfach so ineinanderfügen können, speist sich aus einem historischen Ereignis, dessen Spuren sich durch den gesamten Film ziehen.

Titas Ekti Nodir Naam

1947 teilte sich Indien in Pakistan und den von den Briten besetzten Subkontinent. Wie seine beiden Protagonisten floh auch Ghatak zu dieser Zeit von Bangladesch (damals Pakistan) ins indische Westbengalen, wo er nicht nur mit religiösen und ethnischen Spannungen konfrontiert wurde, sondern sich auch mit dem Verlust seiner Heimat zurechtfinden musste – beides Motive, die sich durch das gesamte Werk des Regisseurs ziehen. Und genau wie Ansuya und Bhrigu entschied sich auch der Regisseur gegen jegliche Vernunft und für das harte Leben, dem man als Mitglied in einer linken Theatergruppe wie der Indian People’s Theatre Association ausgesetzt war.

Meghe Dhaka Tara

Die weitere Laufbahn Ghataks verlief über nicht minder steinige Wege. So musste er sich etwa damit abfinden, dass seine feinfühligen Milieuschilderungen nicht innerhalb des Studiosystems von Bollywood realisiert werden konnten. Im Gegensatz zu seinem Kollegen Satyajit Ray, dem bekanntesten Vertreter des indischen Autorenkinos, blieb ihm zudem auch die internationale Anerkennung verwehrt. In seiner letzten Regiearbeit Einsicht, Streit und eine Geschichte (Jukti Takko Ar Gappo, 1974) stand Ghatak als gequälter alkoholkranker Flüchtling schließlich selbst vor der Kamera. Autobiografisch ist der Film aus verschiedenen Gründen, unter anderem auch, weil der Alkohol bei Ghataks Tod zwei Jahre später eine nicht unbeträchtliche Rolle spielte.

Mit Einsicht, Streit und eine Geschichte eröffnet heute im Berliner Arsenal eine Retrospektive mit Ghataks Filmen. Dabei bietet die Reihe nicht nur die seltene Gelegenheit, fast das gesamte Werk des Regisseurs in – laut Programmheft „guten“ – 35mm-Kopien kennenzulernen, sondern liefert auch eine Antwort auf die Frage, für welchen Mann sich Ansuya am Ende entscheiden wird.

Das gesamte Programm der Retrospektive gibt es hier: www.arsenal-berlin.de/kino-arsenal/programm/einzelansicht/article/6299/2796.html

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