Leiden als Schauwert

Far East Film Festival: Das südkoreanische Kino und der Sadismus.

National Security 1

Nach einer kurzen Flaute in den letzten Jahren boomt die südkoreanische Filmindustrie wie nie zuvor. Kein Wunder, dass die meisten in Udine gezeigten Beiträge aus Südkorea stammen. Entscheidet man sich für einen dieser Filme, geht man in der Regel kein allzu großes Wagnis ein. Meist handelt es sich dabei um handwerklich einwandfreie, wenn auch oft etwas arg glatte Produktionen. Da ist jedoch eine auffällige Eigenheit, die sich besonders bei Thrillern sowie Action- und Horrorfilmen beobachten lässt: Ein ungemeiner Sadismus, wenn es um die Darstellung von Gewalt geht. Sicher, auch in anderen asiatischen Filmregionen wie Hongkong und Japan ist man in dieser Hinsicht wenig zimperlich. In Südkorea scheint es aber ein besonderes Faible zu geben, den Menschen in aller Ausführlichkeit zu quälen.

National Security 2

Ein Film, der sich ausschließlich mit der Marter seines Protagonisten beschäftigt, diese aber im Gegensatz zu vielen Genrefilmen nicht als Attraktion inszeniert, ist National Security (Namyeong-dong 1985) von Chung Ji-young. Erzählt wird die Geschichte des politischen Aktivisten Kim Geun-tae, der 1985 unter der Militärdiktatur von Park Chung-hee für 22 Tage gefangen gehalten und gefoltert wird. Chung zeigt uns, wie ein Mensch gebrochen wird, mit endlosen Schlägen, Erniedrigungen, Essensentzug, Elektorschocks und Water Boarding. Ein besonders bösartiger Doktor weiß dabei genau, wie weit er gehen kann. Was man tun muss, damit die Verletzungen nicht nach außen sichtbar sind und wie nah man jemanden an die Schwelle zum Tod drängen kann, ohne ihn wirklich umzubringen.

Obwohl National Security durchaus als Film fürs große Publikum angelegt ist, bindet er seine Geschehnisse nicht in eine publikumswirksame Handlung ein, sondern konzentriert sich ganz auf die Dynamik innerhalb der von kaltem Neonlicht durchfluteten Zelle. Hier kommen sich die Folterer - bei denen es sich überwiegend um fremdbestimmte, etwas trottelige Handlanger mit einem Mangel an Selbstreflexion handelt - und Opfer mitunter sogar menschlich näher, teilen intime, manchmal fast zärtliche Augenblicke miteinander. Allerdings immer nur so lange bis die nächste Tortur auf dem Tagesplan steht.

National Security 3

Wenn man etwas bei National Security lernt, dann, dass Foltern nicht nur unmenschlich, sondern auch völlig unsinnig ist. Verängstigt und erschöpft gesteht Kim immer wieder aufs Neue, Rädelsführer einer kommunistischen Vereinigung zu sein, nur um es im nächsten Augenblick wieder zu revidieren. Ein absurder Kreislauf entwickelt sich, wenn der Gefangene gezwungen wird eine Geschichte mit all ihren Einzelheiten zu erfinden, um seiner Qual ein Ende zu bereiten. Als sich Kim und der sadistische Arzt zwanzig Jahre später plötzlich gegenüber stehen, ist es vor allem ein Moment der Überforderung. Der ehemalige Peiniger kniet und bittet um Vergebung, während Kims Hand in Großaufnahme zu sehen ist, unentschlossen, ob sie jetzt schlagen oder streicheln soll.

New World 1

Auch der bemerkenswerte Thriller New World von Park Hoon-jung beginnt mit einer Folterszene. Jedoch befinden wir uns hier in einem ganz anderen Milieu, nämlich unter Gangstern und Polizisten. Wer Johnnie Tos Election gesehen hat, weiß, dass es hässlich werden kann, wenn in der Gangsterwelt ein neuer Anführer gesucht wird. Ein typisch männlicher Wettstreit beginnt, an dem auch ein abgebrühter Polizist beteiligt ist und der sich scheinbar nur darum dreht, wer den längsten hat. Genüsslich inszenieren sich die Männer bei ihren Auftritten, perfektionieren das Spiel mit der Überlegenheit und ziehen doch im nächsten Augenblick wieder den kürzeren. Die Machtverhältnisse in New World sind äußerst fragil.

New World 2

Und dann gibt es noch einen Polizeispitzel, der sich über die Jahre eine ansehnliche Position in der Gangsterhierarchie erarbeitet hat. Ähnlich wie in Andrew Laus Infernal Affairs verdankt Park seine Spannung dem ewigen Versteckspiel und der Gefahr, entdeckt zu werden. Das ist dann auch der Grund für die Folterszene am Anfang des Films: Um uns zu zeigen, was in diesen Kreisen mit Spitzeln gemacht wird. Die Qual ist in der Folge vor allem eine psychische. In diesem Klima der Angst hält sich New World nur vereinzelt mit dem Töten auf, und zeigt lieber wie auf der anderen Seite des Gesetzes Politik gemacht wird. Das eigene Überleben kann hier letztlich nur durch das Knüpfen von Intrigen gesichert werden. Park inszeniert die Mechanismen innerhalb der Gangsterwelt spannend und mit kühler Eleganz. Und zum Finale dann auch mit reichlich Blut.

All About My Wife 1

Um ein Leiden der ganz anderen Art geht es dagegen in der Romantic Comedy All About My Wife von Min Kyu-dong, in der ein Mann seine nervige Frau loswerden möchte. Sein Plan: Der Nachbar, ein Ladiesman, der so ungefähr alle Klischees versammelt, die Frauen an einem Mann angeblich zu schätzen wissen, soll sie verführen und so dazu bringen, die Scheidung einzureichen. Oft scheint es bei kommerziellen Komödien aus Asien, insbesondere bei romantischen, eine nur schwer zu überwindende kulturelle Hürde zu geben. Zu infantil und hysterisch scheint der Humor, zu süßlich klebrig die Liebesgeschichten, von ihrem sehr traditionellen Verständnis von männlichen und weiblichen Rollenbildern ganz zu schweigen.

All About My Wife 2

Zwar ist auch All About My Wife mitunter etwas schematisch und sentimental geraten, er ist aber auch wahnsinnig komisch und treibt sein zunächst ziemlich reaktionär anmutendes Frauenbild schließlich in eine neue, differenziertere Richtung. Denn während es sich bei der Protagonistin zu Beginn um eine wahre Hyäne handelt, die ihrem Mann nicht einmal auf dem stillen Örtchen Ruhe gönnt, erweist sich ihr unausstehliches Wesen schon bald als Folge ihre Hausfrauenrolle. Kaum nimmt sie ihre Karriere als Radiomoderatorin in Angriff und führt ein selbstbestimmtes Leben, wird sie nicht nur dem Zuschauer sympathisch, sondern plötzlich auch wieder ihrem Mann. Dafür scheint es aber schon zu spät zu sein. Genüsslich nimmt der Film stereotype Vorstellungen von Romantik auseinander, um sich ihrer dann streckenweise doch selbst zu bedienen. Trotzdem ist All About My Wife eine Komödie, mit der man viel Spaß haben kann. Vor allem die zwei Männer, die sich durch ihren haarsträubenden Verführungsplan blödeln, sind das Herzstück des Films. Und so gerne man den beiden beim Scheitern zusieht, stellt sich die Frage, ob die Komödie nicht an sich ein höchst sadistisches Genre ist.

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