L.A. Rebellion in Berlin

Ein unabhängiges schwarzes Kino, dem ein Ehrenplatz in der Filmgeschichte gebührt. Vom 17. bis zum 30. November widmet sich das Kino Arsenal dem brüchigen Sozialrealismus der L.A.-Rebellion-Bewegung.

Bless-Their-Little-Hearts 1

Es gibt scheinbar keinen Anlass für diese Demütigung. Die zu langen Fingernägel seines Sohnes reichen Vater Charlie aus, um ihn als Weichei und Mädchen zu bezeichnen. Während dem geschockten Jungen die Tränen übers Gesicht laufen, versucht Charlie mit einer groben Maniküre die männliche Würde zu retten. Dabei ist das grausame Ritual eigentlich gut gemeint: Das Kind soll lernen, dass ihm im Leben nichts geschenkt wird. Sein Vater weiß das am besten: Weil er seit langer Zeit keine Arbeit findet und zunehmend im Selbstmitleid zerfließt, fühlt er sich nur noch wie ein halber Mann. Und um sich zumindest sexuelle Bestätigung zu holen, gefährdet er schließlich auch noch seine Ehe.

Emma-Mae

Billy Woodberrys Bless Their Little Hearts (1984) erzählt ungeschminkt vom Alltag einer Familie am unteren Rand der Gesellschaftshierarchie. Zwischen der Unmittelbarkeit improvisiert wirkender Szenen und einem Realismus, der nur durch das Schwarzweiß der Bilder gebrochen wird, handeltder Film aber auch von einer Krise der Männlichkeit. In seinem für die Black-Power-Bewegung äußerst einflussreichen Buch Seele auf Eis analysierte Eldridge Cleaver auf durchaus umstrittene Weise die Unterdrückung der Afroamerikaner. Rassismus war für den Schriftsteller und Aktivisten in erster Linie eine Erniedrigung unter Geschlechtsgenossen. Während der verweichlichte und dekadente weiße Mann das Ziel verfolge, den Schwarzen zu kastrieren, müsse dieser inmitten alltäglicher Schikanen ständig seine Härte beweisen. Dabei ist schwer zu sagen, was belastender ist: die ständigen Rückschläge, die man einzustecken hat oder die Aufgabe, so zu tun, als könnten sie einem nichts anhaben.

Killer of Sheep 1

Bless Their Little Hearts ist Teil einer von den critic.de-Autoren Hannes Brühwiler und Lukas Foerster kuratierten Reihe, die sich vom 17. bis zum 30. November im Berliner Arsenal dem Kino der L.A.-Rebellion-Bewegung widmet. Gemeint ist damit eine lose Gruppe von Filmemachern, die sich ab Mitte der 1960er Jahre im Umkreis der UCLA Film School zusammengefunden hat. Ihr Ziel bestand vor allem darin, ein schwarzes Amerika zu zeigen, das im zeitgenössischen Kino praktisch nicht existierte. Nachdem die Reihe bereits in Wien zu sehen war, wird nun in Berlin eine weniger genreaffine und dafür mehr auf vereinzelte Autoren konzentrierte Version präsentiert. Neben den von politischem Aktivismus und poetischem Sozialrealismus geprägten Filmen von Woodberry, Charles Burnett und Haile Gerima stehen dabei auch zwei Regiearbeiten des hierzulande noch völlig unbekannten Larry Clark auf dem Programm.

My Brother s Wedding 2

Immer wieder finden sich im Kino der L.A. Rebellion dokumentarisch anmutende Miniaturen, die am Rande einer meist eher losen Handlung gezeichnet werden und neben alltäglichen Szenen vor allem einen ungefilterten Blick auf den Alltag, aber auch auf die reichen Tanz- und Musiktraditionen der Afroamerikaner bieten. Ein schönes Beispiel dafür ist Charles Burnetts Killer of Sheep (1978), der sich bei weitem nicht nur für seinen Protagonisten – einen Familienvater, dem seine Arbeit im Schlachthaus zusetzt – interessiert, sondern auch für die vielen kleinen Ereignisse, die sich in seiner Nachbarschaft abspielen. Von Burnett stehen auch To Sleep With Anger (1990) sowie sein Opus magnum My Brother's Wedding (1983) auf dem Programm. In Letzterem muss sich der Protagonist zwischen der Hochzeit seines angepassten Bruders und der Beerdigung des besten Freundes entscheiden. Neben einem vor prallem Leben strotzenden Porträt des Problembezirks South Central steht dabei wieder der soziale Erwartungsdruck im Mittelpunkt, der den Helden in eine moralische Zwickmühle bringt. Burnett widmet sich diesem Dilemma mit einer guten Portion Humor.

Bush-Mama 4

Obwohl sich Filme wie die von Burnett und Woodberry vor allem für ihre männlichen Figuren interessieren, kennt das Kino der L.A. Rebellion in seiner vielschichtigen Darstellung von gesellschaftlichem Druck und struktureller Gewalt durchaus auch die Leiden der Frauen. In Bush Mama (1979) erzählt etwa der in Äthiopien geborene Haile Gerima, der in den USA das unabhängige Kino mitrevolutionierte, wie die unbekümmerte junge Protagonistin ein politisches Bewusstsein entwickelt und den Widerstandskampf am eigenen Körper beginnt. Sie steht für jene Frauen, denen die kriegerische Selbstinszenierung vieler ihrer Männer oft nur eine Statistenrolle zuwies. Die Perücke, mit der sie sich zuvor einem weißen Schönheitsideal angenähert hat, reißt sie sich in der Schlusseinstellung demonstrativ vom Kopf. Die Entschlossenheit, mit der sich der Film dabei weigert, die systematische Unterdrückung einer Minderheit weiter hinzunehmen, raubt einem auch heute noch den Atem.

Es ist in jedem Fall lohnenswert, sich mit diesem bedeutenden Kapitel der Filmgeschichte auseinanderzusetzen. Im Arsenal hat man nun für zwei Wochen die Gelegenheit dazu, erfreulicherweise mit fast ausschließlich neu gezogenen 16- und 35mm-Kopien.

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