Kosmos und Albtraum

Mit Kidlat Tahimik kommt ein Pionier des unabhängigen philippinischen Kinos nach Berlin. Vom 1. bis zum 20. März präsentiert das Arsenal nicht nur sein Gesamtwerk, sondern auch einige selten gezeigte Meisterwerke aus seiner Heimat.  

Balikbayan

Kidlat Tahimik entspricht dem Prototyp eines Exzentrikers. Der philippinische Regisseur schert sich wenig darum, was andere über ihn denken. Beharrlich weigert er sich sowohl in seinen Filmen als auch bei persönlichen Auftritten, herkömmliche Erwartungen zu erfüllen. Als er etwa auf der letzten Berlinale seinen Film Balikbayan #1 Memories of Overdevelopment Redux III vorstellte, führte er im Lendenschurz schamanistische Tanzrituale vor und verlieh sich anschließend selbst ein Diplom im „blockbuster filmmaking“. An Auftritten wie diesem sieht man gut, wie es Tahimik kultiviert hat, aus dem Rahmen zu fallen. Er fordert seine Zuschauer stets heraus, scheinbar Selbstverständliches zu hinterfragen – nicht nur wie ein Publikumsgespräch auszusehen hat, sondern auch wie eine Geschichte zu erzählen ist. Im Berliner Kino Arsenal gibt es nun vom 1. bis zum 20. März zum ersten Mal die Gelegenheit, das komplette Werk dieses filmischen Außenseiters kennenzulernen.

Turumba

Tahimik ist allerdings keineswegs nur ein Paradiesvogel im Weltkino. Hinter der Lust am Schabernack verbirgt sich auch ein ausgeprägtes politisches Bewusstsein. Ein Leitmotiv seiner Arbeit ist etwa das Ausbeutungsverhältnis zwischen Industriemächten und ihren ehemaligen Kolonien. Schon mit seinem selbstgewählten Namen – der auf Tagalog „stummer Blitz“ bedeutet – streift der als Eric de Guia geborene Regisseur das Erbe der spanischen und amerikanischen Besatzungszeit ab. Tahimiks Figuren befinden sich häufig im Würgegriff von Kolonialismus und Globalisierung. In seinem zweiten Film Turumba (1981) geht es zum Beispiel um ein Dorf, in dem die Bewohner für ein alljährliches Fest rote Spielzeugpferde aus Pappmaché basteln. Nachdem eine deutsche „Einkaufsleiterin“ zu Besuch kommt und eine Unmenge an solchen Tieren für das Münchner Oktoberfest in Auftrag gibt, beginnt nicht nur die profitable Massenproduktion, auch der Höllenschlund des Kapitalismus öffnet sich.

Perfumed Nightmare 01

Doch Tahimik ist alles andere als ein verbissener Ideologe. Seine Filme handeln zwar häufig vom Verlust provinzieller Unschuld und den Gefahren des technischen Fortschritts, sind zugleich aber von einer Neugier aufs Unbekannte und einem unstillbaren Fernweh geprägt. Schon früh kam der Regisseur etwa nach Deutschland, wo er eine kleine Rolle in Werner Herzogs Jeder für sich und Gott gegen alle (1974) übernahm und seine Frau Katrin kennenlernte. Seine Reiselust schlägt sich auch in seinem autobiografisch gefärbten Debüt Perfumed Nightmare (Mababangong bangungot, 1977) nieder, worin Tahimik als Fan des Raumfahrtpioniers Wernher von Braun zum Mond fliegen möchte, oder in Balikbayan, der in Ferdinand Magellans Sklaven  den wahren Weltumsegler entdeckt.

Who Invented the Yoyo

Tahimiks Filme gleichen nicht nur wegen ihrer postkolonialen Perspektive Befreiungsschlägen. Sie nehmen auch im philippinischen Kino eine Sonderstellung ein. „Blockbuster“ sind sie nämlich keineswegs. Vor Tahimik gab es in seiner Heimat praktisch keine unabhängigen Filme. Während in den 1970er und 80er Jahren auf den Philippinen nur populäres Erzählkino produziert wurde, drehte er auf Schmalfilmformaten seltsame Bastarde voller dokumentarischer Aufnahmen, selbstreflexiver Brüche und absurder Spinnereien. Für die jungen philippinischen Filmemacher, die außerhalb der Industrie arbeiten, ist Tahimik eine Art Vaterfigur. Sein Kampf um künstlerische und politische Unabhängigkeit wird heute von Regisseuren wie Lav Diaz, John Torres und Khavn De La Cruz fortgesetzt.

Manila in the Claws of Neon

Auch im Rahmen der Filmreihe geht es um eine Kontextualisierung – wenn auch nicht zum Kino der Gegenwart. Als Retro in der Retro werden zum einen Gleichgesinnte aus anderen Ländern vorgestellt – etwa Hans-Jürgen Syberberg mit seiner tollen Kleist-Adaption San Domingo (1970) oder Djibril Diop Mambéty mit seinem mittellangen Badou Boy (1970) , zum anderen aber auch einige Meilensteine des philippinischen Kinos als neue digitale Restaurierungen gezeigt. Unbedingt zu empfehlen sind Manuel Condes Historien-Actionfilm Genghis Khan (1950), Lino Brockas bitterer Großstadt-Blues Manila in the Claws of Light (Maynila: Sa mga kuko ng liwanag, 1975) sowie Ishmael Bernals religionskritisches Meisterwerk Himala (1982). Neben einem sehr schönen Programm wird es außerdem noch eine andere Attraktion im Arsenal geben: Kidlat Tahimik selbst, der das Berliner Publikum bei mehreren Vorführungen von seinen Entertainer-Qualitäten überzeugen wird.

Das gesamte Programm der Reihe gibt es hier

Zu unserem Special über das Philippinischer Kino der 1970er und -80er Jahre geht es hier

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